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Antoni Kocjan und die Bombardierung des Raketenwerks Peenemünde

12.06.2020

War er tatsächlich "der Mensch, der den Krieg gewann", wie man ihn manchmal nannte? Wäre ohne seine Erkenntnisse möglicherweise die Invasion der Alliierten in Europa im Sommer 1944 nicht erfolgreich gewesen?

Als wir vor einem Monat im Rahmen unserer Online-Podiumsdiskussion über polnische Beiträge zum Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg sprachen, ging es neben militärischen Leistungen in der Luftschlacht um England oder zahlreichen Kämpfen in Afrika und Europa auch um all die Errungenschaften, die nicht an der Front vollzogen wurden, den Gegnern der Achsenmächte aber oft entscheidende Informationen verschafft haben. Ob Witold Pilecki, der Kurier Jan Karski oder der Mathematiker Marjan Rejewski, welcher eine erhebliche Rolle bei der Entzifferung der deutschen Schlüsselmaschine Enigma spielte – sie alle trugen ihren Teil zum Sieg über Nazi-Deutschland und dessen Verbündete bei. Ein weiterer Namen, der in dieser Auflistung auf keinen Fall fehlen darf, ist der des Flugzeugingenieurs Antoni Kocjan.

Kocjan wurde im August 1902 in einem schlichten Bauernhaus im kleinen Dorf Skalskie (heute Teil der Stadt Olkusz) ung. 60km westlich von Krakau geboren. 1920 nahm er als Achtzehnjähriger am Polnisch-Sowjetischen Krieg teil. Nach dem Abitur 1923 zog er nach Warschau und begann ein Studium an der dortigen Technischen Universität. Bereits während der Studienzeit zeigte sich Kocjans Begeisterung für den Flugzeugbau – und bald auch sein großes Talent auf diesem Gebiet. In den folgenden Jahren sollte Kocjan zum wohl bedeutendsten Flugzeugprojektanten der Zweiten Polnischen Republik werden. Seine Spezialität waren Segelflugzeuge. Kocjans Konstruktionen - etwa die Flugzeuge „Czajka“ „Wrona“, „Sroka“, „Mewa“, „Orlik“ oder „Komar“ - wurden von den bekanntesten Piloten der Zwischenkriegszeit geflogen und stellten unterschiedliche Rekorde im In- und Ausland auf. Dass er vor lauter Engagement im praktischen Bereich keine Zeit zur Fertigstellung seines Ingenieurdiploms gefunden hatte, tat diesen Erfolgen keinerlei Abbruch. Worauf es bei einem guten Flugzeug ankommen musste, konnte Kocjan auch durch persönliche Erfahrung beurteilen – seit 1929 besaß er eine Pilotenlizenz und ergriff liebend gerne selbst das Steuer. Im selben Jahr heiratete er die  Studentin Elżbieta Zanussi.

Nach dem Ausbruch des Krieges und der Niederlage Polens trat Kocjan dem bewaffneten Untergrund bei und arbeitete gleichzeitig für das deutsche Unternehmen „Techno-Service“. Im September 1940 wurde er auf der Straße verhaftet und nach Auschwitz deportiert – mit demselben Transport, in dem sich u.a. auch Witold Pilecki und Władysław Bartoszewski befanden. Details zu seiner Zeit im Lager sind interessanterweise erst vor relativ kurzer Zeit ans Tageslicht getreten, als der Historiker Adam Cyra den bis dahin als „unbekannt“ eingestuften Gefangenen Nr. 4267 als Kocjan identifizierte.[1]

Durch beherzten Einsatz vom Kocjans Freunden in Warschau und seinem deutschen Arbeitgeber konnte im Mai 1941 nach einem Dreivierteljahr Haft seine Entlassung erwirkt werden. Unmittelbar nach seiner Rückkehr in die Hauptstadt nahm er sowohl die Beschäftigung bei „Techno-Service“ als auch seine konspirative Tätigkeit wieder auf. In den Kellern seiner ehemaligen Flugzeugwerkstätten in der Wawelska-Straße befand sich eine große Untergrunddruckerei, die regelmäßig subversives Schriftgut herausbrachte. Vor allem aber arbeitete Antoni Kocjan im Bereich der technischen Informationsbeschaffung der Armia Krajowa (Heimatarmee). Als Leiter des Luftfahrtreferats war er maßgeblich für die Analyse von Meldungen über das deutsche Raketenbauprogramm verantwortlich, die von AK-Piloten beschafft werden konnten. Nachdem die Versuchsanstalten in Peenemünde auf Usedom entdeckt worden waren, erkannte Kocjan als einer der ersten ihre Wichtigkeit. Seine Erkenntnisse meldete er im Frühjahr 1943 nach England – ohne Kocjans Informationen wäre die Entscheidung zur Bombardierung der Peenemünde-Werke in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1943 vermutlich nicht so schnell gefallen. Durch das Bombardement, dem  allerdings mehrere Hundert Angestellte und Zwangsarbeiter, darunter auch Polen, zum Opfer fielen, wurde die Entwicklung der V-Raketen erheblich verzögert, sodass sie bei der Invasion der Alliierten in Europa im Sommer 1944 nicht einsatzbereit waren – ein Umstand, den der General und spätere US-Präsident Dwight Eisenhower als entscheidenden Faktor für die Ermöglichung des Sieges genannt hatte.[2]

Kocjan selbst konnte diesen Sieg nicht mehr erleben. Am 1. Juni 1944 wurde die Untergrunddruckerei in der Wawelska-Straße von der Gestapo entdeckt, Kocjan kurz darauf in seiner Wohnung verhaftet und ins Gefängnis Pawiak eingeliefert. Ironischerweise wussten die Deutschen bis zuletzt nichts vom geheimdienstlichen Wirken des Flugzeugkonstrukteurs bei der Erforschung der V-Raketen  – Kocjans Gefangennahme hing allein mit der Entdeckung der Druckerei unter seinen Werkstätten zusammen.[3]

Im Juli desselben Jahres begannen die Besatzer, das Pawiak-Gefängnis aufzulösen. Die verbliebenen Häftlingsgruppen wurden nach Groß-Rosen und Ravensbrück deportiert, sodass sich beim Ausbruch des Warschauer Aufstands am 1. August nur noch wenige Gefangene im Pawiak befanden. Am 13. August wurden die Letzten von ihnen erschossen, Antoni Kocjan befand sich darunter. Sein Grab konnte nie ermittelt werden.

 

 

 

[1] Mehr zur Geschichte dieser Entdeckung im Blog von Adam Cyra: http://cyra.wblogu.pl/obozowe-zdjecie-inz-antoniego-kocjana-1902-1944.html (abgerufen am 12.06.2020), vgl. außerdem: Jacek Drost: Antoni Kocjan – tajemniczy więzień KL Auschwitz nr 4267, Dziennik Zachodni 26.1.2013, online abrufbar unter: https://dziennikzachodni.pl/antoni-kocjan-tajemniczy-wiezien-kl-auschwitz-nr-4267-historia-dz/ar/747685 (abgerufen ebendann)

[3] So der Kocjan-Experte Adam Cyra, vgl. ebenda.

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