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Andrzej Wajda - ein filmischer Begleiter der jüngsten Geschichte Polens

14.03.2021

Heute vor 95 Jahren wurde Andrzej Wajda geboren.

Andrzej Wajda - ein filmischer Begleiter der jüngsten Geschichte Polens

Er war einer der bekanntesten und bedeutendsten polnischen Regisseure des 20 Jh. Sein filmisches Schaffen bildete brennglasartig sämtliche wichtige Aspekte der wechselhaften Geschichte des Landes in dieser Epoche ab – mit ihren Höhen, Tiefen, Regimewechseln– aber auch den großen und kleinen Fragen nach Mensch und Gesellschaft, Geschichte und unserer Rolle darin, die sich trotz veränderter Rahmenbedingungen für jede Generation immer wieder neu stellen. Heute vor 95 Jahren wurde Andrzej Wajda geboren.

Würde jemand die wichtigsten Kapitel der polnischen Geschichte der letzten hundert Jahre anhand des Oeuvres von nur einem Künstler nachverfolgen wollen, so wäre Andrzej Wajda sicher einer der aussichtsreichsten Kandidaten für dieses Unterfangen. Ob der Zweite Weltkrieg, die Hochphase des Sozialismus oder Lech Wałęsa und die Solidarność – so gut wie alles, was das Land im genannten Zeitraum wesentlich bewegt und geprägt hat, findet im Werk dieses Regisseurs Berücksichtigung. Dabei hatte Wajda häufig die zuvor ausgetretenen Pfade verlassen, und zögerte nicht, die historischen Gegenstände aus neuen, für die Zeitgenossen bisweilen ungewöhnlichen, Perspektiven zu betrachten. Deutlich wurde dies bereits bei seinen ersten Spielfilmen in den 1950er Jahren, in deren Mittelpunkt die deutsche Besatzungszeit und die Monate unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs standen. Folgte das Debütwerk Eine Generation (Pokolenie) von 1955 dabei noch weitgehend sozrealistischen Narrativen, lösten die beiden nachfolgenden Werke Der Kanal (Kanał, 1956) sowie Asche und Diamant (Popiół i diament, 1957) wegen ihrer etablierten Konventionen zuwiderlaufenden Darstellung polnischer Widerstandskämpfer große und kontroverse öffentliche Debatten aus.

Besonders der erstgenannte Titel, die tragisch endende Geschichte einer Gruppe von Männern und Frauen, die während des Warschauer Aufstandes über das Abwassersystem der Stadt den deutschen Verfolgern zu entkommen versuchen, stieß auf deutlichen Protest. Statt die Aufständischen als heroische, unbefleckte Patrioten darzustellen, die ohne mit der Wimper zu zucken alles der Freiheit und ihren Idealen zu opfern bereit sind, bildete Wajda seine Figuren vor allem als Menschen wie du und ich ab – Menschen, die leben, lieben, durchaus Heldentaten vorbringen, doch auch ihre Schwächen haben und sich fürchten können. Viele Zeitzeugen beklagten daraufhin, eine solche Interpretation verfehle den Kern dessen, worum es im Warschauer Aufstand gegangen sei und lasse den Kämpfern nicht genug Würdigung zukommen. Unter den prominenten Kritikern fand sich u.a. Władysław Bartoszewski. Einzelne Veteranen verteidigten den Film aber auch als durchaus realitätsnahe Darstellung des Geschehens. Wie der Historiker Florian Peters unterstreicht, liegt die Bedeutung von Kanał nicht zuletzt darin, dass Wajda mit dem Film über den künstlerischen Weg etwas geschafft hat, was Wissenschaftler dieser Zeit angesichts der im sozialistischen Polen auferlegten Beschränkungen des Sagbaren nicht ohne weiteres zu leisten imstande waren: das Lostreten der ersten, echten öffentlichen Diskussion über die Bedeutung des Warschauer Aufstandes und die Haltungen der Menschen, die sich an ihm beteiligt haben. Darüber hinaus wurde der Film bald auch international gewürdigt - beim Festival in Cannes 1957 erhielt Kanał zusammen mit dem Siebenten Siegel von Ingmar Bergman den Sonderpreis der Jury, die Silberne Palme. Ironischerweise lobten die dortigen Kritiker primär genau das, was in Polen zunächst Tadel hervorgebracht hatte – die ganz nah an den Figuren gezeichnete Vision des Aufstandes als existentielles Drama einzelner Menschen.

Nachdem Wajda auf diese Art erstmalig jenseits der Grenzen Polens auf sich aufmerksam gemacht hatte, sollte er mit dem nächstem Film Popiół i diament endgültig seinen Ruf als Regisseur von Weltrang begründen – und erneut hochaktuelle Fragen nach jüngster Geschichte und Gegenwart aufwerfen. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Jerzy Andrzejewski handelt vom ehemaligen AK-Soldaten Maciek Chełmicki, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zum antikommunistischen Untergrund stößt und im Rahmen seiner dortigen Tätigkeit bald mit Fragen nach der Richtigkeit seines Handelns konfrontiert wird. Schon vor der Premiere ist heftig über den Film diskutiert worden. Die Vertreter der Partei waren sich uneins, wie Wajdas Werk eingeordnet werden sollte: Werden die Kämpfer des antikommunistischen Untergrunds nicht zu positiv skizziert, was Zuschauer zum Nacheifern einladen könnte? Oder zeigt der Film vielmehr die Aussichtslosigkeit ihres Widerstands, stirbt doch der Held am Ende allein und tödlich verwundet auf einem großen Müllplatz? Zwar erwiesen sich letztere Argumente als überzeugend genug, um ein von einigen Parteifunktionären versuchtes Ausstrahlungsverbot zu verhindern; dennoch avancierte Maciek Chełmicki zu einer wichtigen Identifikationsfigur für die junge Generation, was im Wesentlichen an der überzeugenden Darstellung durch Zbigniew Cybulski lag, der ob seines nonchalanten Looks vielfach als „polnischer James Dean“ bezeichnet wurde (und wie dieser jung einen Unfalltod starb).

Erneute Diskussionen um die Einordnung des Films brachen nach 1989 aus, diesmal gewissermaßen unter umgekehrten Vorzeichen: der antikommunistische Widerstand sei von Wajda, so manche Kritiker, zu negativ, wie ein gesellschaftliches Randphänomen an der Grenze zum Banditentum dargestellt worden; andere wiederum verteidigten Asche und Diamant mit Hinweisen darauf, dass Wajdas Vision sowohl gegenüber der literarischen Vorlage, als auch anderen Werken seiner Zeit viel nuancierter und weniger propagandistisch ausgerichtet sei. Jenseits der politischen Auslegung freilich wurde Popiół i diament bereits zu seiner Premiere von Cineasten fast einhellig als Meisterwerk gelobt und gilt bis heute als einer der wesentlichen Meilensteine der polnischen Filmgeschichte.

Auch Wajdas späteres Schaffen machte vor brisanten historischen Gegenständen keinen Halt. Der Mann aus Marmor (Człowiek z marmuru, 1976), in dem eine junge Journalistin die Lebensgeschichte eins berühmten Vorarbeiters aus den 1950er Jahren rekonstruiert und schnell feststellt, dass das, was sie findet, in vielen Punkten von der offiziell propagierten Leitlinie abweicht, löste national wie international ein ebenso breites Echo aus, wie der an diesen direkt anknüpfende Mann aus Eisen (Człowiek z żelaza, 1981), eine filmisch verfremdete Rekonstruktion der Entstehung der Solidarność, die als erster polnischer Film überhaupt in Cannes den Hauptpreis der Goldenen Palme gewinnen konnte und daneben auch eine Oscar-Nominierung erhielt. Zum Thema der Solidarność kehrte Wajda noch einmal 2013 mit seinem vorletzten Film zurück, der Biografie Wałęsa – der Mann aus Hoffnung (Wałęsa – Człowiek z nadziei), nachdem er sechs Jahre zuvor in Das Massaker von Katyn (Katyń) den stalinistischen Massenmord an polnischen Offizieren, dem auch Wajdas Vater zum Opfer gefallen war, filmisch aufbereitet und dieses außerhalb Polens bis dato größtenteils nur Fachleuten bekannte Ereignis erstmalig einem breiteren internationalen Publikum vorgestellt hatte.

Neben solchen historischen Schlaglichtern nehmen auch Verfilmungen berühmter Werke der polnischen Literatur einen wichtigen Rang in der filmischen Laufbahn von Andrzej Wajda ein: zu nennen sind hier, neben dem oben schon vorgestellten Popiół i diament, die 1999 realisierte Adaptation des zur Zeit der Napoleonischen Kriege spielenden Nationalepos Pan Tadeusz des romantischen Dichters Adam Mickiewicz sowie Das gelobte Land (Ziemia Obiecana, 1975), nach dem gleichnamigen Roman des Nobelpreisträgers Władysław Stanisław Reymont: In diesem Panorama, das in Lodz zu Beginn des 20 Jh. spielt, wird der Aufstieg der Stadt zu einer florierenden Metropole und einem der wichtigsten Industriestandorte in Mitteleuropa nachgezeichnet. Die Erzählung folgt dabei drei befreundeten Unternehmern, einem Polen, einem Deutschen und einem Juden als Repräsentanten der drei Kulturen, die das multiethnische Bild des Lodz der Jahrhundertwende weitgehend prägten.

Andrzej Wajda kannte keinen Ruhestand und drehte buchstäblich bis zum Ende seines Lebens. Er starb im Oktober 2016 neunzigjährig, nur einen Monat nach der Premiere seines letzten Films Powidoki, einer Biografie des Malers Władysław Strzemiński. In seiner sich über sechs Jahrzehnte erstreckenden Laufbahn hatte er immer wieder mit den berühmtesten polnischen Schauspielerinnen und Schauspielern gearbeitet. Für sein Schaffen wurde er neben unzähligen Filmpreisen auch mit vielen polnischen wie internationalen Orden ausgezeichnet, darunter dem Bundesverdienstkreuz, der französischen Ehrenlegion sowie dem Orden des Weißen Adlers, der höchsten Auszeichnung Polens. Seine letzte Ruhestätte fand der Regisseur im Familiengrab auf dem Salvator-Friedhof in Krakau.

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