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Historiosoph, Futurist, Künstler, Freigeist und ein „Gassetianer“ noch lange vor dem Erscheinen des bekannten Hauptwerks von Jose Ortega y Gasset „Der Aufstand der Massen“.

Seine Kindheit wurde von einem intellektuellen Ambiente geprägt, denn von klein auf war er von Kunst und Literatur umgeben. Nicht nur zu Hause, wo die großen Namen der Kunstszene, der Literatur und des Theaters regelmäßig zusammenkamen, sondern auch außerhalb: Die Architektur von Zakopane trägt bis heute noch die Handschrift seines ähnlich wie die Mutter künstlerisch und intellektuell veranlagten Vaters. Beide wollten Witkacy von der Schule fernhalten, weil sie Angst hatten, ihr Sohn könnte sich von der Masse „anstecken lassen“ und nunmehr nur noch nach Mittelmaß streben: „Leb in der Zukunft. Bleib stets auf den Höhen stehen, von denen aus Du die weitesten Horizonte hast, und streck die Flügel Deiner Gedanken und Taten aus, um über sie hinwegzufliegen", schrieb ihm sein Vater in einem Brief, in welchem mehr als nur ein Hauch von nietzscheanischem Elitarismus mitschwingt.

Zu den Denkschulen und Richtungen, die Witkacy seit frühesten Jahren prägten, gehörte das sogenannte Junge Polen („Młoda Polska“). Den Begriff hatte Artur Górski Ende des 19. Jahrhunderts ins Leben gerufen. Er fungierte als Sammelbegriff für etliche modernistische Bestrebungen einer Gruppe von jungen Künstlern und Schriftstellern.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass nach extern bestandenem Abitur die ihm eingeprägte Widerspenstigkeit sich nun gegen seinen Vater richtete. Entgegen seinem Willen besuchte er die Kunstakademie in Krakau, reiste durch Europa und folgte schließlich dem bekannten Anthropologen Bronisław Malinowski nach Australien, wo er Ablenkung suchte nach dem mysteriösen Suizid seiner ersten Verlobten 1914. Die farbenfrohen Panoramablicke und die exotische Ferne erfüllten ihn mit Ekstase und dürften seinem späteren malerischen Stil einen deutlichen Stempel aufgedrückt haben. Der ihm innewohnende Hang zum Extremen fand als nächstes Ausdruck in seiner Entscheidung, einer Elite-Offizierschule in Petersburg beizutreten – für den in seiner Kindheit verwöhnten und von den Härten des Lebens schonend ferngehaltenen Witkacy eine radikale Wende. Diese entsprang dem neuentdeckten Bedürfnis nach Ordnung und Struktur, welche ihm in Australien spürbar abhandengekommen waren.

Er begann nun ein neues Lebenskapitel. Kurz darauf würde er jenes Ereignis hautnah mitverfolgen, welches seine vorher schon verspürten apokalyptisch anmutenden Intuitionen bestätigte: Die Revolution in Russland. Die ihr anhaftende Brutalität und unmenschliche Erbarmungslosigkeit deutete er als den Übergang in eine Epoche der Herrschaft des Mobs und der damit verbundenen Herauskristallisierung neuer Diktaturformen.

Vorher schon hatte er in seinen Werken eine präzise historiosophische Vision gezeichnet, die den Untergang der Eliten prognostizierte. Die Epoche der Massen kenne keinen größeren Feind als das Individuum, das nach metaphysischer Größe strebt. Diese Vision ließ jedoch noch ein wenig Raum für Ambivalenz, denn der durchschnittliche Massenmensch sollte von diesen Gegebenheiten materiell profitieren und ein gemütliches Leben führen. Die Revolution erfüllte ihn indes mit einer noch teuflischeren Angstvision. Er verarbeitete diese in dem Stück „Gyuabal Wahazar“ von 1921: Darin versucht eine futuristische Diktatur einen neuen Menschen zu züchten, welcher den Anforderungen der Epoche der Wissenschaft standzuhalten vermag.

Hieraus leiteten sich zwei zentrale philosophische Leitgedanken ab, dank welchen seinem literarischen Schaffen heutzutage eine große Anerkennung zuteilwird: Der Tod der Metaphysik, damit einhergehend das Ende des Geheimnisses der Existenz sowie die Entstehung der Massengesellschaft, die nun die Weltbühne betritt.

War er ein Determinist? Vieles spricht dafür. Unbeantwortet bleibt jedoch die berüchtigte Frage, ob ein Determinist jemals seine Vision niederschreiben kann ohne dabei unverhofft einen Funken Hoffnung zu offenbaren, mit seinem Text nicht doch in die Geschicke des Universums eingreifen zu können.

1918 nimmt Witkacy seinen Künstlernamen an. Er legt seinen Geburtsnamen Witkiewicz ab, um sich von seinem mittlerweile verstorbenen Vater abzusetzen. „Neue Formen in der Malerei und die daraus resultierenden Missverständnisse“ lautet der Titel seines philosophischen Essays, in welchem er eine neue Vision der Kunst und Malerei formuliert: „Ich glaube, dass die Kunst, ähnlich wie die Religion und die Metaphysik, eines der Mittel ist, derer sich der Mensch seit Jahrhunderten bedient, um sich von der – täglichen – Existenzangst inner- und außerhalb seiner selbst zu befreien.” Auch hier dürfte sich der eine oder andere an Nietzsche erinnert fühlen, welcher bekanntlich die Kunst als eine Art Antidot gegen die hässliche Wahrheit ansah, das den Menschen davon abhält, an ihr zugrunde zu gehen.

Er sucht die „reine Form“, malt, fotografiert und schreibt geradezu obsessiv (im Jahre 1920 allein sind 10 Theaterstücke aus seiner Feder entstanden), um die von der Massenkultur betäubte Gesellschaft mit einem „metaphysischen Erlebnis“, einer „Kunst ohne Inhalt“ wachzurütteln. Doch er findet keine Anerkennung, wird von Kritikern ignoriert, belächelt oder muss sich gar anhören, dass seine Kunst eine Art „unnatürliche Missgeburt“ sei.

Nach der „letzten Zigarette“, dem letzten Ölbild von 1925, gründet Witkacy ein eigenes Unternehmen und widmet sich der Porträtmalerei. Auch dieses kommt nicht ohne Eigenheiten aus. So lautet der Werbeslogan des Unternehmens: „Der Kunde muss zufrieden sein. Missverständnisse ausgeschlossen”. An anderer Stelle, in dem Reglement des Unternehmens, heißt es nämlich: „Seitens des Kunden ist jegliche Kritik ausgeschlossen“. Die zu der Zeit entstandenen Autoporträts werden immer wieder in heutigen Ausstellungen gezeigt und strotzen nur so vor Kreativität, Esprit und Einfallsreichtum. Bekannt ist auch, dass viele von ihnen unter starkem Drogenkonsum entstanden sind: Kokain, Meskalin, Morphin, Alkohol, Kaffee und Zigaretten. Die meisten Witkacy-Kenner gehen dennoch davon aus, dass er nicht abhängig war.

Zu den bekannteren Werken von Witkacy gehören auch noch „Verrückte Lokomotive“ (Terroristen greifen einen Zug an, um ihn explodieren zu lassen), „Schuster“ (ein weiteres Stück über die Revolution und Diktatur) und schließlich der Roman „Unersättlichkeit“, für viele das wichtigste Werk von Witkacy. Das kommunistische China (das Werk erschien 1927) besiegt ein imaginiertes konterrevolutionäres Russland, um dann Europa zu erobern, welches theoretisch noch frei ist, sich jedoch nur schwerlich des Charmes des kommunistischen Gedankenguts erwehren kann.

Die Umstände seines Todes 1939 verliehen seinem Leben und Werken eine Art apokalyptische Kohärenz. Nach dem deutschen Überfall auf Polen flüchtete er in den Osten. Der Anblick von Flugspuren am Himmel, welche sowjetische Flugzeuge hinterlassen hatten, führte ihm vor Augen, dass das Schicksal Polens besiegelt war. Und damit auch sein eigenes – er schnitt sich die Halsschlagader auf.

Aus heutiger Sicht bleibt festzuhalten, dass sich Parallelen zwischen Witkacys Schicksal und dem von vielen anderen großartigen Persönlichkeiten erkennen lassen. Seine Theaterstücke fanden größtenteils keinerlei Anerkennung zu Lebzeiten, erfuhren nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch eine wahre Renaissance. Seine philosophischen Essays und Romane können sich mittlerweile in die Riege solch illustrer Autoren und herausragender Vertreter der Modernekritik wie dem anfangs erwähnten Gasset, Max Weber („Die entzauberte Welt“) oder auch Aldous Huxley („Brave New World“) einreihen.

Sein Konzept der „Multi-Bing-Pillen“ inspirierte Czesław Miłosz, welcher von diesem in seinem bekannten Werk „Verführtes Denken“ Gebrauch macht. Auch das Theaterleben prägte er nachträglich – zu einem der bekanntesten Witkacy-Bekenner gehört Tadeusz Kantor. Wenn heute von den wichtigsten polnischen Schriftstellern der Moderne die Rede ist, wird Witkacy häufig in einer Reihe mit Brunon Schulz und Witold Gombrowicz erwähnt. Manche würden sagen: später Ruhm ist besser als gar keiner.

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