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Die historische Evolution des Polentums

01.10.2020

"Untergegangene Welten. Totalitäre Regime und das Ende des multikulturellen Osteuropa" - Online-Diskussion um 18 Uhr. Anmeldung: https://bit.ly/2Ezd5i3

"Untergegangene Welten. Totalitäre Regime und das Ende des multikulturellen Osteuropa" - Online-Diskussion um 18 Uhr.  Anmeldung: https://bit.ly/2Ezd5i3

Eine gegenwärtige, weit verbreitete Auffassung besagt, dass die heutige polnische Identität aus zwei Komponenten besteht: dem ethnisch-homogenen Kern und katholischen Glauben. Kein Wunder, dass wenn Pol*innen heute über ihre Identität und Nation sprechen, spontan solche Bilder im Kopf des Zuhörers hervorgerufen werden. Und doch haftet dem ein Paradoxon an: Laut Prof. Adam Zamoyski ist eine rein ethnische Definition des Polentums im Grunde genommen stalinistischer Provenienz. Das heißt, dass sie von außen gewaltsam eingeführt wurde und zudem deutlich jüngeren Datums ist.

Wenn man sich auf Wurzelsuche, eine Art "Archäologie des Polentums", um hier Michel Foucault zu paraphrasieren, begibt, wird einem schnell klar, dass der klassische, ursprüngliche Begriff des Polentums mit seiner postjaltanischen Variante nicht viel zu tun hat. Denn ersterer speiste sich aus einer mehrere hundert Jahre dauernden multikulturellen Entwicklung, einer politisch-republikanischen Vorstellung der Nation (die der amerikanischen Definition ähnelt) und einem internalisierten kulturell geprägten Nationsbegriff.

Wer also Pole oder Polin sein wollte, sah sich also nicht gezwungen, sein Glück dem Schicksal zu überlassen und kilometerlange verstaubte Register durchzublättern, nur um irgendwie doch noch polnische Vorfahren ausfindig zu machen, sondern konnte sich bewusst dafür als Citoyen entscheiden.

Eine Entscheidung, die, bedingt durch die zunächst 123-jährige Phase der Staatenlosigkeit, welcher nach einem kurzen Intermezzo der II Republik dann der Krieg und die kommunistische Herrschaftszeit folgten, vor allem die Form einer Art "Beitrittserklärung" zum polnischen Wertesystem und der polnischen Kultur annahm. Der Poet und Schriftsteller Jerzy Marek Rymkiewicz bringt das Polnischsein mit "der Auslebung des Freiheitssinns, einem Leben im Kampf gegen das Schicksal, auch dem metaphysischen Schicksal" in Verbindung.

Bis heute können sich sich die meisten Pol*innen noch an ihre Großeltern erinnern: Jüd*innen, Tatar*innen, Ukrainer*innen, Russen sowie Russinnen und Deutsche. Warum? Ganz klar handelt es sich hierbei um ein Erbe der I RP, der ersten Republik, welche im Osten durch ihre vielfältigen Religionen und Kulturen bestach. Kurzum: Polnischsein war eine Wahl und kein ethnisches Erbe, kein Ethnos (biologische Identität, Großfamilie) sondern Ethos (Wertegemeinschaft).

In der Natur der Sache liegt natürlich auch, dass nicht immer "Friede Freude Eierkuchen" vorherrschte. Interkulturelle und interethnische Anspannungen gab es immer wieder, gerade zu Zeiten der Zweiten Republik in den 30er Jahren nahmen diese an Intensität zu, zudem unterlag das Polentum an sich auch einer gewissen Evolution und Dialektik. Doch selbst jemand wie Prof Wincenty Lutosławski, ein Philosoph, Aktivist der "Endecja" (der rechtsnationale Flügel der Zwischenkriegszeit) und enger Freund von Roman Dmowski äußerte sich zu dem Thema zu Beginn des XX Jahrhunderts wie folgt: "Zur polnischen Nation gehören sowohl polonisierte Deutsche, Tataren, Armenier, Synti-Roma und Juden, solange sie alle das Ideal des gemeinsamen Polens ausleben. Ein Schwarzer oder Indianer können echte Polen werden, wenn sie das geistige Erbe der polnischen Nation annehmen, welches in seiner Literatur, Kunst, Politik sowie Sitten und Bräuchen enthalten ist. Was zählt, ist der unabdingbare Wille, Polen als eine nationale Entität weiterzuentwickeln". Das mag davon zeugen, dass die republikanisch-kulturelle Interpretation des Polnischseins insgesamt tiefe Wurzeln schlug.

Über diese und ähnliche Themen wird die Chefin des Pilecki-Instituts Berlin Hanna Radziejowska zusammen mit Prof. Marek Cichocki, Gerhard Gnauck und Prof. Ewa Thompson am 01.10 diskutieren. Dabei soll hier auch nochmals auf die Bedeutung des 17.09.1939 als Schlüsseldatum eingegangen werden.

 Die Annexion der Ostgebiete durch die UdSSR stellte eine Zäsur dar, die einerseits den symbolischen Untergang vergangener Lebenswelten einläutete, andererseits auch einen Neuanfang markierte.

Heute ist das historische Erbe von Grodno, Lviv, Vilnius zum Vermächtnis vieler Länder und Nationen geworden. All dies und mehr bei unserer Online-Debatte "Untergegangene Welten. Totalitäre Regime und das Ende des multikulturellen Osteuropas".

Das oben verlinkte Lied "Sen o Warszawie" von Czesław Niemen ist teils in Paris (die Instrumental und das Arrangement), teils in Warschau (die Vocals) entstanden. Auf der einen Seite war der Song Ausdruck von Heimweh und der Sehnsucht nach der eigenen Heimat, auf der anderen Seite bezog man seinen Textinhalt auf den Warschauer Aufstand und die Wiedergeburt des städtischen Lebens nach dem Krieg. Heute gilt der Song vielen als die informelle Warschauer Hymne, die seit 2004 von den Warschauer Fußfallfans Woche für Woche im Stadion gesungen wird. Die hier gelinkte Version wurde vor vier Jahren von polnischen Warschauer*innen aus verschiedenen Teilen der Welt aufgenommen und ist ein Ausdruck der Liebe zu Warschau und Polen. Zudem geht der Song auf das Phänomen des Polentums und des vergessenen Erbes der Ersten und Zweiten Polnischen Republik ein.

P.S. So richtig populär wurde "Sen o Warszawie" erst 40 Jahre nach dem ursprünglichem Releasedate. Die Hiphopcrew "Wzgórze Ya-Pa3" brachte eine Coverversion raus ("Mam tak samo jak Ty"), die zu einer Wiederentdeckung des Originals führte. Czesław Niemen war wenig begeistert von der Hiphopversion, aber kurz vor seinem Tod freestylte OSTR - ein anderer Rapper - in Niemens Anwesenheit, was Niemen dazu bewegte, sein kritisches Urteil über die Hiphopszene zu überdenken und folglich zu revidieren.

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