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Szymon Syrkus und der Wiederaufbau von Warschau

11.06.2020

Szymon Syrkus war ein Europäer mit Leib und Seele. Und ein großartiger, maßgeblich am Wiederaufbau Warschaus beteiligter Architekt noch dazu.

Unsere spezielle Serie anlässlich des 80. Jahrestags der Errichtung des KL Auschwitz hatte zum Ziel, auf zwei wichtige, weitestgehend vernachlässigte bzw. wenig bekannte historische Gegebenheiten aufmerksam zu machen: Zum einen ging es um die sog. Intelligenzaktion, durch welche viele herausragende Vertreter der polnischen Intelligenz ins Fadenkreuz des Dritten Reichs geraten sind. Diese Prozesse entsprangen einem vorgefertigten Skript – es ging darum, wie Prof. Nikolaus Wachsmann es bei unserer Online-Diskussion (ab Sonntag auch über Youtube zu sehen) ausdrückte, Polen in eine Arbeiterklasse ohne Eliten umzuformen. Zum anderen sollten aber auch all jene Einzelschicksale dieser Menschen, der Eliten der Polnischen Zweiten Republik, ein Stück weit ins öffentliche Bewusstsein mit all ihren Errungenschaften, Träumen und Formen des physischen und existentiellen Widerstands gegen das vermeintlich Unausweichliche gerückt werden.

Diesmal soll es um Szymon Syrkus gehen. Er war nicht bei dem ersten Massentransport nach Auschwitz dabei, sondern wurde 1942 verhaftet. Seine Lebensgeschichte reiht sich jedoch nahtlos in die Riege jener herausragenden Persönlichkeiten ein, die hier bislang vorgestellt wurden.

 

Szymon Syrkus und der Wiederaufbau von Warschau

 

Im Juli 1945 verschickte Walter Gropius zwei kurze Briefe.  Einer richtete sich an das Büro des US-amerikanischen Secretary of State James F. Byrnes, der andere an die Hebrew Sheltering and Immigrant Aid Society. In seinen Schreiben bat der bekannte Bauhaus-Pionier um Unterstützung bei einem persönlichen Anliegen: der Suche nach seinem engen Freund, dem polnischen Architekten Szymon Syrkus, der im Oktober 1942 von den Nationalsozialisten verhaftet und nach Auschwitz eingeliefert worden war und seit dem Frühling 1945 als verschollen galt.

Die Geschichte dieser Freundschaft reicht zurück in die Zwischenkriegszeit und die Welt europäischer Avantgarde-Kreise, in welchen über Landesgrenzen und Kunstrichtungen hinweg nach dem Neuen, Anderen, Modernen gesucht wurde. Der 1893 geborene Szymon (eigentlich Szyja) Syrkus war wie geschaffen für diesen künstlerischen Mikrokosmos, der das Überschreiten von Grenzen – den physischen wie den abstrakten – zum zentralen Prinzip erhob. Schon die Auflistung seiner Studienstationen liest sich wie der Bericht einer transeuropäischen Eskapade – Wien, Graz, Riga, Moskau, Krakau, Warschau. Mal war der Umzug an die nächste Universität oder Akademie eine eigene Entscheidung, mal wurde er durch die wechselhaften Umstände der Zeit erzwungen. Und auch als Syrkus seine Lern- und Wanderjahre schließlich 1922 formal mit einem Abschluss als Architekt besiegelte, hielt es den Sohn eines Rabbiners, der „nicht mehr Jiddisch sprechen und Ornamente in alten Synagogen studieren wollte[1], den Malerei und Theater ebenso begeisterten wie Architektur, nicht lange an einem Ort. Seine nächste Reise führe Syrkus über Berlin und Weimar nach Paris, und brachte ihn an jeder dieser Stationen mit dortigen Pioniergeistern und kreativen Köpfen zusammen – mit Hans Richter, El Lissitzky – und eben Walter Gropius.

Zurück in Warschau gründet Syrkus zusammen mit Bohdan Lachert, Józef Szanajca, Helena Niemirska (eig. Eliasberg) und anderen die Architekten- und Künstlergruppe Praesens, die eng mit dem polnischen Formismus verknüpft ist – einer literarisch-künstlerischen Avantgarde-Bewegung, zu der Syrkus schon in seiner Krakauer Zeit Kontakt gehalten hatte. Zwischen ihm und Helena Niemirska entwickelt sich eine innige Liebesbeziehung, 1926 heiraten die beiden.

In den folgenden Jahren realisiert das Kollektiv, inzwischen offizieller polnischer Ausläufer des Congrès Internationaux d’Architecture Moderne (CIAM), eine Reihe von Projekten in Warschau, für viele von ihnen zeichnen sich Szymon und Helena Syrkus persönlich verantwortlich. Ihre hochmodernen Entwürfe sind den Ideen des sozialen Wohnungsbaus verpflichtet – bei den Arbeitersiedlungen und Wohnkomplexen soll die Funktionalität an oberster Stelle stehen. In Schriften aus dieser Zeit schwärmt Szymon Syrkus von einer fabrikartigen Wohnungsproduktion, eine seiner wichtigsten Inspirationsquellen ist Le Corbusier. Gleichzeitig verfolgt er alle aktuellen ästhetischen Entwicklungen, möchte in seiner Arbeit Eindrücke kubistischer Malerei ebenso berücksichtigen wie neueste technische Errungenschaften.

Als der Krieg kommt, können die Eheleute Syrkus zunächst weiter als Architekten arbeiten. Nach der Verhaftung Szymons im Oktober 1942 bemüht sich Helena, zusammen mit Freunden in Warschau und im Ausland, verzweifelt darum, etwas über den Verbleib ihres Mannes in Erfahrung zu bringen. Im Januar 1945 wird sie selbst verhaftet.

Szymon und Helena überleben die Lagerhaft; und sie beginnen sofort nach dem Kriegsende beim Wiederaufbau ihrer zerstörten Stadt mitanzupacken. Noch 1945 treten sie dem Biuro Odbudowy Stolicy (Büro für den Wiederaufbau der Hauptstadt, BOS) bei, dessen stellvertretender Vorsitzender Szymon wird. Parallel pflegen sie, zumindest am Anfang, weiter ihre internationalen Beziehungen. 1946 reisen sie in die USA und können durch Hilfe von Gropius an der Harvard University ihre Pläne des Warschauer Wiederaufbaus vorstellen. 1948 besucht Pablo Picasso auf Einladung von Helena die polnische Hauptstadt und besichtigt die von den Eheleuten entworfene und gerade im Bau befindliche Wohnsiedlung Koło. Dabei hinterlässt der berühmte Maler an einer der Wohnungswände eine Kohlzeichnung der Warschauer Meerjungfrau – Wappenbild und bekanntestes Symbol der Stadt (ein paar Jahre später wird das Bild bei Renovierungsarbeiten übermalt). 

Trotz ihrer durchaus vorhandenen kommunistischen Sympathien – Helena war noch im Untergrund in die PPR, die Vorgängerpartei der späteren PZPR eingetreten – sorgen solche Kontakte, wie auch die Skepsis, die die beiden Architekten gegenüber dem nunmehr propagierten Sozialistischen Realismus empfinden, für Reibungen mit den Machthabern. 1947 ist Szymon gezwungen, das BOS zu verlassen. Und doch können er und seine Frau einige bemerkenswerte Wohnprojekte realisieren – als das bekannteste gilt die eben erwähnte, in den Jahren 1947-1950 errichtete, Siedlung Koło, die 1992 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Als Baumaterial ist u.a. Schutt aus den Ruinen der zerstörten Stadt verwendet worden; architektonisch atmet die Wohnanlage unmissverständlich den Geist des Funktionalismus.

Entsprechende Affinitäten gehörten schon früh zu Syrkus’ architektonischen Leitgedanken. Vielleicht sind ihm einige konkrete Ideen aber auch in den Baracken von Auschwitz in den Sinn gekommen. In einem Radiointerview für den amerikanischen Rundfunk im April 1945 erinnerte sich Syrkus: „For me it was the greatest und most instructive lesson of my life to sleep on the same wooden board with a Polish worker, sharing the same blanket… We discussed together the needs of Polish people and plans for Poland’s future cities.[2] [„Für mich war es die größte und erkenntnisreichste Lektion meines Lebens, mit einem polnischen Arbeiter auf demselben Holzbrett zu schlafen, dieselbe Decke zu teilen… Wir haben zusammen die Bedürfnisse des polnischen Volkes diskutiert und die Pläne für Polens künftige Städte.“] Auf den Kommentar des Interviewers, diese ganz besondere Erfahrung müsse für ihn ein Ansporn gewesen sein, hart zu arbeiten um die Verwirklichung dieser Pläne möglich zu machen, antwortet Syrkus: “Yes – that is why it is our duty… the very basis of our work… to study and to understand the needs of the people an their requirements before the great work of recontruction begins.[3] [Ja – deshalb ist es unsere Pflicht… die Grundlage unserer Arbeit… die Bedürfnisse der Menschen und ihre Anliegen zu studieren und zu verstehen, bevor das große Wiederaufbauswerk beginnt.]

Szymon Syrkus, der Architekt, der Zeit seines Lebens Grenzen überwand, starb am 8. Juni 1964 in Warschau. Seine geliebte Helena überlebte ihn um achtzehn Jahre; sie schied im November 1982 dahin.

 

[1] Beata Chomątowska: Lachert i Szanajca. Architekci awangardy, Wołowiec 2014, S. 86.

[2] Aleksandra Kędziorek, Katarzyna Uchowicz, Maja Wirkus (Hrsg.): Archipelag CIAM. Listy Heleny Syrkus, S. 186.

[3] Ebenda.

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