News

Stanisław Szpunar und die Solidarität in Auschwitz

26.06.2020

"Ich habe dort fünf Jahre überlebt. Ich verlor nie die Hoffnung, obwohl ich mich jeden Morgen gefragt habe, ob es diesmal mich trifft.“

KZ Auschwitz, 14. Juni 1940, kurz nach Ankunft des Zuges aus Tarnów. Die mehr als siebenhundert Männer werden aus den Waggons gezerrt und ins Lager geprügelt. Flüche und Schreie begleiten sie auf ihrem Weg. Das anschließende Geschehen schildert einer von ihnen so: „Wir wurden in unterirdische Räume getrieben, denn das Lager war noch nicht für die Aufnahme von Transporten vorbereitet. Das Lager wurde vom berühmten Schlächter Karl Fritzsch geleitet. (…) Er wiederholte, dass keiner der Gefangenen länger als 90 Tage überleben wird. Ich habe dort fünf Jahre überlebt. Ich verlor nie die Hoffnung, obwohl ich mich jeden Morgen gefragt habe, ob es diesmal mich trifft.[1]

Autor dieser Worte ist Stanisław Szpunar. Der 1923 geborene Schüler war mit siebzehn Jahren einer der jüngsten Häftlinge des ersten Auschwitz-Transportes. Und es gab nur ganz wenige, die länger in diesem berühmtesten aller Konzentrationslager eingesessen haben als er – bis Januar 1945, als Gefangene angesichts der immer näher heranrückenden Roten Armee in Todesmärschen massenhaft Richtung Westen geschickt wurden, ist Szpunar in Auschwitz geblieben und konnte dadurch, vom Ankunftstag des Tarnów-Zuges bis zur gehetzten Evakuation kurz vor der Befreiung, mehr vom Alltag im Lager mitbekommen als irgendjemand sonst. Später sollte Stanisław Szpunar, der gleich nach dem Krieg in seine Heimatstadt Rzeszów zurückkehrte, Informatik studierte und anschließend an den ersten Computern in Polen arbeitete, zu einem der am längsten lebenden Zeitzeugen des ersten Transports werden. Er verstarb dreiundneunzigjährig im November 2016. „Wir, die Gefangenen aus dem ersten Transport, waren in einer besseren Situation als die, die nach uns ins Lager kamen. Für die meisten von ihnen gab es keine Rettung, sie wurden sofort in den Tod geschickt.“ sagte er in einem Zeitungsgespräch 2010. Und fügte hinzu: „Um zu überleben, musste man vor allem Glück haben.[2]

Dieses Glück konnte die Form von Solidarität annehmen. Einer Solidarität, die Männer wie Witold Pilecki eine Widerstandsbewegung im Lager aufbauen ließ und die Stanisław Szpunar wie folgt reflektiert: „Was machte es unter diesen unmenschlichen Bedingungen möglich, seine Würde zu bewahren? Es war der Glaube, das Vertrauen in den anderen Menschen und das Bewusstsein, dass es sich zu Leben lohnt, dass man nicht verzweifeln darf. (…) Eine solche Geheimorganisation der Häftlinge wie in Auschwitz gab es in keinem anderen Lager. Es ist gelungen, ein ganzes System auf die Beine zu stellen, ehrliche Menschen auf Funktionsposten zu bringen. Eben Kontakte und Möglichkeiten haben er erlaubt, das Leben von Mitgefangenen zu verlängern und zu retten, Nachrichten nach draußen zu schmuggeln. Wir hatten keine Waffen. Wenn jemand einem anderen ein Stück Brot reichte, war das schon ein Kampf. Wenn jemand ein Stück Wurst aus dem SS-Lager gestohlen hatte, war das auch Kampf. Wenn einer einen anderen aufmunterte, war das Kampf.[3]

Nur ganz wenige schafften es wie Witold Pilecki und Kazimierz Albin aus dem Lager zu fliehen. Tausende andere haben diesen Kampf mit ihrem Leben bezahlt.

 

[1] W Auschwitz byłem numerem 133, Niedziela rzeszowska 8/2010, online abrufbar unter: https://www.niedziela.pl/artykul/55672/nd/W-Auschwitz-bylem-numerem-133 (Abgerufen am 10.06.2020)

[2] Ebenda.

[3] Ebenda.

See also