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Olympia, Polen und der Schatten der Geschichte

30.07.2021

Anlässlich des Beginns der Olympischen Spiele in Tokio blicken wir auf eine Zeit zurück, in der die Olympischen Spiele von zwei Weltkriegen überschattet waren, und erinnern an die Einzelschicksale der Sportler:innen, die das noch junge Polen vertraten.

Die modernen Olympischen Spiele sind ein Produkt des 19. Jahrhunderts und knüpfen an den Gedanken der Renaissance, der Wiederbelebung der Antike an. Ihre Geschichte war von Anfang an international geprägt. Ab 1859 fanden die am antiken Vorbild orientierten Olympien in Athen statt. Auf Initiative des Historikers und Sportfunktionärs Pierre de Coubertins nahmen die Olympischen Spiele ab 1894 ihre heutige Form an: im vierjährigen Turnus der Olympiade fanden sie nach dem Rotationsprinzip in internationalen Austragungsorten statt. Vom Baron de Coubertin ist folgender Ausspruch überliefert: „Deutschland hatte das ausgegraben, was vom alten Olympia noch vorhanden war. Warum sollte Frankreich nicht die alte Herrlichkeit wiederherstellen?“ Als Zeichen der Völkerverständigung sollten die Olympischen Spiele von da an die Länder der Welt zusammenbringen. Doch wurden sie von zwei Weltkriegen überschattet.

So sollten die Sommerspiele 1916 in Berlin stattfinden, in der Hoffnung, durch die Wahl des Austragungsortes zur Völkerverständigung beizutragen und dem drohenden Weltkrieg etwas entgegenzusetzen. Doch fielen die Spiele aus. Sie fanden erst wieder 1920, dann in Antwerpen, statt.

Für das moderne Polen, das erst 1918 seine Unabhängigkeit wiedererlangte, hatten die Spiele auch eine symbolische Bedeutung: Bald nach der Staatsgründung nahmen polnische Sportler:innen an den Wettkämpfen teil. In Paris gewannen 1924 Józef Lange, Tomasz Stankiewicz, Franciszek Szymczyk und Jan Łazarski die Silbermedaille für Polen im Radsport, Adam Królikiewicz gewann Bronze im Reiten. 1928 in Amsterdam gewann Polen bereits fünf Medaillen. Unter den erfolgreichen Sportler:innen befand sich Halina Konopacka, die als erste Frau überhaupt im Diskuswurf die Goldmedaille gewann – ein Meilenstein, waren doch Frauen erst ab 1900 und entgegen großen Widerstandes, vor allem des Barons de Coubertin, zu den Spielen zugelassen worden.

Nachdem Deutschland 1920 und 1924 von den Spielen ausgeschlossen war, fanden 1936 dann die berüchtigten Sommerspiele in Berlin statt, mit dem noch heute bestehenden Olympiastadion als zentralen Austragungsort. Wieder hoffte man, durch friedliche Verständigung die politische Lage zu entschärfen. Der sportliche Aspekt rückte jedoch in den Hintergrund, wo die olympische Idee der Chancengleichheit nicht einhaltbar schien und die Spiele zur Propagandaschau des nationalsozialistischen Deutschlands verkamen. Während innenpolitisch Dissidenten Repressalien ausgesetzt waren, die jüdische Bevölkerung sowie andere Minderheiten verfolgt wurden und seit 1935 die Nürnberger Rassengesetze galten, gab man sich außenpolitisch kompromissbereit. Bekannt ist die von den Nazis als Schmach wahrgenommene Tatsache, dass nicht etwa ein Deutscher, sondern mit vier Goldmedaillen der Afroamerikaner Jesse Owens der erfolgreichste Teilnehmer an den Spielen war. Auch Polen nahm an den Spielen teil und errang sechs Medaillen.

Nur drei Jahre später überfiel Deutschland Polen und zettelte damit den Zweiten Weltkrieg an, wodurch die Spiele der folgenden zwei Olympiaden ausfielen. Halina Konopacka, die als erste polnische Frau Gold gewann, machte erneut ihrem Namen alle Ehren: Im September 1939 half sie ihrem Ehemann Ignacy Matuszewski, Finanzminister Polens, 75 Tonnen Gold nach Frankreich zu evakuieren, das die Aktivitäten der polnischen Exilregierung finanzierte. Nach der Kapitulation Frankreichs entkam sie mit ihrem Mann in die USA.

Andere ehemalige Olympiameister hatten weniger Glück. Tomasz Stankiewicz, der 1924 in Paris mit dem Bahn-Vierer die Silbermedaille gewonnen hatte, Janusz Kusociński, der 1928 in Los Angeles im 10.000-Meter-Lauf Gold gewonnen hatte, sowie weitere polnische Sportler und Vertreter der polnischen Inteligencja wurden 1940 im Rahmen der AB-Aktion, mit der der deutsche Besatzer den Widerstand der polnischen Bevölkerung im Keim ersticken wollte, im Wald nahe Palmiry bei Massenerschießungen hingerichtet. Bronisław Czech, der als Skifahrer seit 1928 in den Olympischen Winterspielen für Polen antrat, wurde als einer der ersten Häftlinge 1940 nach Auschwitz deportiert, wo er 1944 verstarb.

Die ersten Olympischen Spiele nach dem Krieg fanden 1948 in London statt. Polen nahm mit einer kleinen Delegation teil. Wie bereits nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland nicht eingeladen worden. Zu präsent waren noch die schmerzhaften Erinnerungen an den Krieg.

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