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Maksymilian Fingerchut – Pionier der polnischen Erdölindustrie

05.06.2020

Er war ein Soldat in den Reihen der polnischen Legionen und Bergbauingeniur, der zudem durch sein ehrenamtliches Engagement die Ideale des klassischen Bürgertums astrein verkörperte.

Durch die Wiedergewinnung der staatlichen Unabhängigkeit 1918 gelangten auch viele Gebiete mit einem reichen natürlichen Rohstoffvorkommen in polnischen Besitz. Dazu gehörte z.B. die Gegend der Stadt Drohobytsch in Galizien, heute in der westlichen Ukraine gelegen, damals eines der wichtigsten Zentren der Erdölförderung in Europa. So ist es nicht verwunderlich, dass schon bald zahlreiche Fachleute des Petroleumindustriezweigs in den Südosten des neuen polnischen Staates zogen, um dort ihr Wissen über das „schwarze Gold“ in die Praxis umzusetzen.

Einer dieser Fachleute war der polnisch-jüdische Bergbauingenieur Maksymilian Fingerchut. Der Sprössling einer Warschauer Industriellenfamilie hatte sein Studium an der Montanuniversität in Loeben abgeschlossen – einer der renommiertesten Adressen für den Fachbereich Bergbau. Bereits während seiner Ausbildungsjahre kam er mit der Erdölgewinnung in Galizien in Kontakt, als er im unweit von Drohobytsch gelegenen, für seine unzähligen Bohrtürme und Förderanlagen berühmten, Boryslaw ein Praktikum absolvierte. 1914 kämpfte Fingerchut in den Polnischen Legionen, musste aber schon zum Jahresende von der Front abreisen, nachdem ihn eine Krankheit einsatzunfähig gemacht hatte. Nach dem Ende des Studiums kehrte der frischgebackene Ingenieur nach Galizien zurück und leitete in den kommenden Jahren eine Reihe von Unternehmen in Lwów, Boryslaw und Sanok. Der letztgenannten Stadt sollte er auf besondere Weise verbunden bleiben.

Die Zwischenkriegszeit sah Maksymilian Fingerchut nicht nur als Direktor verschiedener Firmen im Bereich der Erdölförderung, sondern auch als engagierten und vielseitig interessierten Bürger. Er gehörte diversen Vereinen und Gesellschaften an, darunter den Sanoker Lokalclubs des polnischen Gymnastiksportverbandes „Sokół“ sowie des Tourismusvereins Polskiego Towarzystwo Tatrzańskie (PTT - Polnische Tatra-Gesellschaft), Vorgänger des bis heute funktionierenden PTTK - Polskie Towarzystwo Turystyczno-Krajoznawcze (Polnische Touristik- und Landeskundegesellschaft). Regelmäßig veröffentlichte Fingerchut Artikel in der polnischen Fachpresse für Erdölgewinnung und Industrie und hielt zu diesen Themen Vorträge, sowohl auf Expertentagungen als auch für die Öffentlichkeit.

Während der Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg konnte Fingergut zunächst in den nunmehr von den Deutschen übernommenen Förderunternehmen tätig bleiben, im Mai 1940 wurde er jedoch schließlich verhaftet, in das Gefängnis Tarnów gebracht und dort dem ersten Auschwitz-Transport zugeteilt. Zur Dauer von Fingerchuts Zeit im Lager, wo er die Gefangenennummer 646 trug, finden sich widersprüchliche Angaben – als gesichert gilt freilich, dass er 1941 oder 1942 aus dem KZ entlassen und zu Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt worden ist. Noch vor dem Kriegsende konnte er allerdings nach Galizien zurückkehren und arbeitete wieder für dortige Erdölbetriebe unter deutscher Leitung.

Auch nach 1945 übernahm Fingerchut weiterhin verschiedene Direktorate und Führungsfunktionen in seinem Fachbereich, zeitweise erfüllte er auch Beratungsfunktionen für das Ministerium für Bergbau- und Energetik. Er starb im April 1955 in Racibórz im Alter von 64 Jahren.


Der erste Massentransport nach Auschwitz und seine Gefangenen

 

Am 14. Juni 2020 jährt sich zum achtzigsten Mal der erste Massentransport von Gefangenen zum KL Auschwitz. Ergänzend zu unserem bereits angekündigten Pariser-Platz-Seminar am 9. Juni zum Thema „Die Intelligenzaktion und die Errichtung des KL Auschwitz“ werden wir deshalb ab heute jeden Tag an einen der Inhaftierten aus diesem Transport erinnern.

Die frühesten Auschwitz-Transporte hängen eng mit gezielten großflächigen Aktionen zusammen, die sich gegen die polnische Intelligenz und potentielle Widerstandsbewegungen richteten. Die Vernichtung der Intelligenz war seit den ersten Besatzungstagen ein wesentliches Element der nationalsozialistischen Eroberungs- und Niederwerfungspläne. Ein gezielter Schlag gegen ihre geistigen Eliten sollte die Polen in Schockstarre versetzen und ihrer potentiellen konspirativen Führungskräfte berauben. Angefangen im Oktober 1939 wurden im Rahmen der sog. „Intelligenzaktion“ unter Leitung von Reinhard Heydrich zehntausende polnische Hochschullehrer, Ärzte, Juristen, Geistliche und Repräsentanten vieler weiterer intellektueller Berufe direkt ermordet oder in Konzentrationslager deportiert. Eine Fortsetzung dieser Maßnahmen stellte seit dem Mai 1940 die „AB-Aktion“ (kurz für „Außerordentlich Befriedungsaktion“) dar. Sie richtete sich gegen angenommene aufrührerische Kräfte sowie „Berufsverbrecher“ und hatte anfangs hauptsächlich die Form von Massenexekutionen, oft verbunden mit provisorischen Standgerichtsverfahren, denen mehrere Tausend Menschen zum Opfer fielen. Zunehmen wurden diese sofortigen Morde aber auch von Deportierungen in Konzentrationslager begleitet.

Der erste Massentransport nach Auschwitz brachte am 14. Juni 1940 728 Häftlinge aus dem Gefängnis in Tarnów in das Lager, die die Gefangenennummern 31 bis 758 erhielten (frühere Gefangene waren Einzelpersonen, die bei der Errichtung des Lagers zwangseingesetzt worden waren). Unter http://www.chsro.pl/pierwszy-transport/lista.html kann die Liste sämtlicher Personen aus dem Transport eingesehen werden.

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