News

Janusz Korczak: Arzt, Pädagoge, Schriftsteller, Denker

07.08.2020

Ohne den leisesten Zweifel, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, folgte er den etwa 200 Kindern aus seinem Waisenheim in einen bereitgestellten Transportwagen, welcher sie in das Vernichtungslager in Treblinka brachte.

Ohne den leisesten Zweifel, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, folgte er den etwa 200 Kindern aus seinem Waisenheim in einen bereitgestellten Transportwagen, welcher sie in das Vernichtungslager in Treblinka brachte. Der polnisch-jüdische Arzt, Pädagoge, Schriftsteller und Waisenheimgründer Janusz Korczak starb am 7 August 1942.

„Sie irren sich, nicht jeder ist ein Schuft“ – lautete Janusz Korczaks Antwort, als ihm am 5.August, kurz bevor der Transportwagen losfuhr, ein Bahnhofskommendant in letzter Sekunde die Rettung anbot.

(…)

„Im Entsetzenstanz, im tiefsten Dunkel,
An der Front, wo jeder Tod sich ruhmlos naht;
Janusz Korczak war, der Waisen Vater,
Dort der einz’ge treffliche Soldat.

Hört, ihr Nachbarn? Jenseits dieser Mauer
Schaut ihr unsern Tod durchs Gitter an:
Janusz Korczak starb, damit auch unser Volk sich
Seiner Westerplatte rühmen kann.“

„Wladyslaw Szlengel, „Blatt aus dem Tagebuch der Aktion“, 10. August 1942 aus: Szlengel, Władysław: Was ich den Toten las. Texte und Gedichte aus dem Warschauer Getto. Neumünster: Paranus-Verlag, 2003“ (Volle Fassung siehe unten)

Kennzeichnend für Korczak (mehr biografische Infos finden Sie unten) war sein großes Interesse für Theaterspektakel. Er akzentuierte immer wieder den erzieherischen Aspekt des Theaters: „Das Theater ermöglicht es uns, die unterschiedlichsten Situationen, Lebenszenarien zu erleben, uns bislang nicht offenbarte Erfahrungen zu machen, es bringt uns bei, mit all jenen Facetten des Lebens umzugehen, die schwierig, schmerzhaft und schrecklich sind, uns aber in jeder Sekunde widerfahren können“.

1940 wurde das „Dom Sierot“, das vorher von Korczak ins Leben gerufene Waisenhaus für Kinder, ins Warschauer Ghetto verlegt. Theaterstücke fanden dort auch weiterhin statt, das deutsche Besatzungsregime tolerierte diese, um so den Anschein des gewöhnlichen alltäglichen Lebens zu bewahren. „Poczta“ (wortwörtlich „Post“) wurde am 18.Juli 1942 zum letzten Mal vorgeführt, 4 Tage vor der Liquidierung des Warschauer Ghettos. In dem Stück, welches das Schicksal der Gefangenen des Warschauer Ghettos symbolisieren sollte, geht es um Amal, einen sterbenden Jungen, welcher auf die Erlösung, einen Brief des Königs, wartet.

Die wenigen Zeitzeugen, die überlebten, suggerierten, dass diese letzte Vorführung des Theaterstücks ihn und die Kinder des Waisenhauses auf das Schlimmste vorbereiten sollten. Dabei kamen hier noch zwei zentrale Überzeugungen zum Ausdruck: Das schmerzhafte Schweigen Europas und der Welt und die Überlegung „dass der Captain als letzter von Board geht“, dass es Korczaks Pflicht war, seinen Schutzbefohlenen konsequent die Treue zu halten, auch kurz vor dem Tod und bis in den Tod. Dies lag seiner Entscheidungen zugrunde, nicht von jenem „Angebot der Rettung“ Gebrauch zu machen, welches eingangs erwähnt wurde.

Diese beiden Grundpfeiler von Korczaks Handeln hat Wladyslaw Szlengel, der „Poet des Ghettos“ (er verfasste im Warschauer Ghetto Gedichte und starb am 8.Mai 1943 während des Aufstands im Warschauer Ghetto) poetisch und zugleich prägnant in seinem Gedicht „Blatt aus dem Tagebuch Aktion“ thematisiert. Dabei macht Szlengel auch eine Anspielung auf den "Kampf um die Westerplatte", den Auftakt des Überfalls auf Polen 1939, welcher im polnischen kollektiven Gedächtnis als das Symbol des Kampfes bis zum bitteren Ende gilt. Auch Janusz Korczak entschied sich bewusst dafür, bis zum bitteren Ende zu bleiben.

"Keiner kam, die Unheilskette zu durchbrechen,
Szerling anzuflehn kam niemand in den Sinn;
Łotysz, den mit Schnaps traktierten, zu bestechen
Gab nicht einer die Familienuhren hin.

Janusz Korczak ging voran wie selbstverständlich
Bloßen Hauptes – er hat keine Furcht verspürt;
An die Tasche klammerte ein Kind sich,
Und zwei kleine hat er an der Hand geführt.

Einer flog herbei, die Ordre in der Hand,
Er erklärte etwas und schrie aufgeregt:
– Eh, Sie dürfen gehen ... hier ist ein Brief von Brandt
Korczak hat verneinend nur den Kopf bewegt.
Viele Worte hat er nicht gemacht;
Wie solln es die seelenlosen Köpfe fassen,
Die ihm die Begnadigung gebracht,
Was es heißt, ein Kind alleinzulassen ...

So viele Jahre ... auf der trotzgen Wanderung,
Gab den Sonnenball in Kinderhände;
Wie könnt jetzt er die Verängstigten verlassen?
Weiter geht er ... führt sie ... bis ans Ende.

Und da dachte er an König Maciuś,
Dem sein Stern ein solches Los nicht zugedacht.
König Maciuś auf dem Eiland bei den Wilden –
Anders hätte er es nicht gemacht.

Wie zum Ausflug vor die Stadt zu Lag ba Omer
Stiegen in die Viehwaggons die Kinder ein,
Und der Kleine mit der kecken Miene
glaubte heute ganz und gar ein Scout zu sein.

Und ich dachte still in dieser Alltagsstunde,
Die doch wertlos für Europa bleibt,
Daß er heut in unserer Geschichte
Grade jetzt das schönste Blatt beschreibt.

Daß in diesem jüdischen Krieg der Schande
Und der Schmach, wo alles kopflos schreit,
Und im Kampf, um jeden Preis zu leben,
Im Verrat, in der Bestechlichkeit,

Im Entsetzenstanz, im tiefsten Dunkel,
An der Front, wo jeder Tod sich ruhmlos naht;
Janusz Korczak war, der Waisen Vater,
Dort der einz’ge treffliche Soldat.

Hört, ihr Nachbarn? Jenseits dieser Mauer
Schaut ihr unsern Tod durchs Gitter an:
Janusz Korczak starb, damit auch unser Volk sich
Seiner Westerplatte rühmen kann."

„Wladyslaw Szlengel, „Blatt aus dem Tagebuch der Aktion“, 10. August 1942 aus: Szlengel, Władysław: Was ich den Toten las. Texte und Gedichte aus dem Warschauer Getto. Neumünster: Paranus-Verlag, 2003“

Hier zu finden: https://bit.ly/3acn0FS

Mehr Infos zu Janusz Korczak:

Geboren wurde Henryk Goldszmit, wie sein ursprünglicher Name lautete, 1878 oder 1879 in Warschau. Bereits während seines Medizinstudiums bot er Unterricht für kleine Kinder an, pädagogische Fragestellungen übten seit jeher eine immense Faszinationskraft auf ihn aus, welche er sowohl in seine alltägliche pädagogische Praxis einfließen ließ, aber welcher er auch stets Ausdruck verlieh in in Form von philosophischen Überlegungen und Publikationen. „Ohne eine heitere, echte Kindheit ist das ganze spätere Leben verkrüppelt“ lautete seine Grunddevise. Auch behauptete er, dass die Pädagogik eine Lehre über das Kind und nicht über den Menschen sei. Darin kam seine tiefe humanistisch-existenzielle Überzeugung zum Ausdruck, die auch heute noch von vielen Polen gelesen und rezpiert wird, weswegen er bisweilen „Der Erzieher der Polen“ genannt wird.

Als er erfolgreich an einer literarischen Ausschreibung unter dem Pseudonym Janusz Korczak teilnahm, machte er sich dieses zu eigen. Nach dem Studium arbeitete er als Arzt im Kinderkrankenhaus, war zudem als freier Mediziner bei wohlhabenden Bürgern tätig, um seine zahlreichen zusätzlichen sozialen Initiativen und, wie man das heute wohl nennen würde, ehrenamtlichen Engagements zu finanzieren. Und an diesen sollte es nicht fehlen: Erzählungen,
Romane und Kinderbücher als offizielle Veröffentlichungen einerseits, zum anderen aber auch die erste Zeitung für Kinder, „Radio-Plaudereien“, seine Radiosendung, in welcher mit Kindern sprach, vor allem aber die Errichtung des Waisenhauses „Dom Sierot“, welches wortwörtlich übersetzt genau „Waisenhaus“ heißt, welchem in den 30 Jahren dann auch ein zweites Waisenhaus folgte.

See also