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Das Phänomen des polnischen Untergrundstaats

02.10.2021

Heute vor 77 Jahren kapitulierte die Polnische Heimatarmee AK - das offizielle Ende des Warschauer Aufstands. Anlässlich dessen erinnern wir an den polnischen Untergrundstaat.

Heute vor 77 Jahren kapitulierte die Polnische Heimatarmee - es war das Ende des Warschauer Aufstands. Die größte bewaffnete Untergrundaktion im vom deutschen NS-Regime besetzten Europa endete am 2. Oktober 1944. Ursprünglich sollte der Aufstand nur wenige Tage dauern, am Ende waren es aber mehr als zwei Monate. Insgesamt 63 Tage lang führten die Aufständischen einen heroischen, zugleich aber auch isolierten Kampf für ein unabhängiges, von der deutschen Besatzung und sowjetischen Herrschaft befreites Polen. Nach Schätzungen wurden zwischen 150.000 und 200.000 Zivilisten während des Aufstandes getötet.

Über den Aufstand haben wir an dieser Stelle ausführlich geschrieben: https://instytutpileckiego.pl/en/instytut/aktualnosci/wir-wollten-frei-sein-und-uns-diese-freiheit-selbst-verdanke .

Heute möchten wir hingegen an das Phänomen des polnischen Untergrundstaats erinnern - vor wenigen Tagen war der Jahrestag seiner Entstehung. Am 27.September 1939 wurde die Untergrundorganisation SZP (Dienst für den Sieg Polens) ins Leben gerufen. Noch vor der Kapitulation und Entstehung der Exilregierung gegründet, gilt sie als erster wichtiger Baustein des polnischen Untergrundstaats - welcher im 20. Jahrhundert von seiner Größe und Aufgabenvielfalt her einzigartig blieb. Unter der Egide des polnischen Untergrundstaats operierte die größte militärische Widerstandsorganisation in Europa im Zweiten Weltkrieg: Die Heimatarmee AK, welche etwa 300.000-400.000 Mitglieder zählte.

Dabei handelte es sich im wahrsten Sinne des Wortes um einen Untergrundstaat: Das Parlament, der Präsident, viele soziale Einrichtungen, zwölf Ministerien und eine Koalition, die aus praktisch allen politischen Parteien und Gruppierungen bestand, dem jüdischen Parlamentarierkreis inklusive. Einzig rechts- bzw. linksextremistische Organisationen wurden nicht aufgenommen und gründeten dann jeweils eigene, dem polnischen Untergrundstaat nicht untergeordnete Organisationen.

Nach der verlorenen „September-Kampagne“ flohen etwa 85.000 polnische Soldaten, Offiziere und Politiker nach Frankreich und Rumänien. Am 30. September 1939 wurde die polnische Exilregierung in Frankreich aufgestellt, welche nach der Niederlage Frankreichs ihren Sitz nach London verlagerte. Ihrem Selbstverständnis nach war sie Ausdruck der politischen und legalen Kontinuatität mit der polnischen Zweiten Republik und die einzig legitime polnische Regierung. Neben der Vereinigung fast aller militärischen Widerstandsgruppierungen, die zunächst den Namen ZWZ (Verband für den bewaffneten Kampf) trug, bis sie dann am 14. Februar 1942 zur heute geläufigeren, in ihren Reihen etwa 300.000 - 400.000 Mitglieder zählenden Armia Krajowa (Heimatarmee) umgetauft wurde, war auch der zivile bzw. kulturelle Widerstand von höchster Bedeutung: ein unabhängiges Pressewesen, Hochschulen im Untergrund und ein umfangreiches Netz an Stipendien galt der Erhaltung und Kontinuität der polnischen Kultur.

Dem reichen Kultur- und Bildungsangebot wurde seitens des Untergrundstaats eine besonders hohe Priorität zugesprochen: So gab es ein eng geknüpftes Netz von Untergrundschulen und Hochschulseminar, die oft in privaten Wohnzimmern abgehalten wurden und eine große Anzahl von rund 1.500 Untergrundpublikationen, die von Hand zu Hand weitergegeben wurde und die Polen informiert hielt. Dieser starke Fokus auf den kulturellen Bereich ist auch vor dem Hintergrund der brutalen deutschen Besatzung sowie der Intelligenz- bzw AB-Aktion zu sehen. Letztere verfolgten das Ziel, die polnische Intelligenz auszulöschen und aus Polen eine dem Dritten Reich vollends untergeordnete Sklavenbevölkerung zu machen. Es reichte nicht nur militärisch Widerstand zu leisten, sondern auch das polnische Kulturgut zu schützen und pflegen.

Spektakulär war auch die sog. Żegota - der Rat für die Unterstützung von Juden. Unter der Schirrmherrschaft der polnischen Untergrundregierung agierend, rettete sie tausenden Juden das Leben trotz extrem drakonischer Gesetzeslage im besetzten Polen: Selbst für eine Scheibe Brot, die man Juden geben wollte, riskierte die ganze Familie mit dem Leben. Wichtig zu erwähnen ist zudem "Raczynskis Notiz", der erste offizielle Bericht über den Holocaust, welcher als offizielle diplomatische Notiz der polnischen Exilregierung an die Außenminister der Alliierte verschickt wurde, um die westliche Öffentlichkeit wachzurütteln.

Die Mitglieder des Untergrundstaats wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aktiv vom kommunistischen Nachkriegsregime bekämpft und verfolgt, was übrigens George Orwell schon lange vor der vollständigen Machtergreifung der Kommunisten erkannte: "Nein, das ‚Regime von Lublin‘ ist kein Sieg für den Sozialismus. Es ist die Herabsetzung Polens zu einem Vasallenstaat. … Wehe denen, die ihre unabhängigen Vorstellungen und Grundsätze aufrechterhalten wollen"

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