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Die Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens ging mit der Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechts im Jahre 1918 einher.

Die Polinnen gehörten zu den Ersten in Europa, die sich das Frauenwahlrecht erkämpft haben, denn vorher hatten dies nur die Finninnen (1906), die Norwegerinnen (1913) sowie die Isländerinnen und Däninnen (1915) geschafft*.

Deswegen bei uns heute die Premiere von "Podwójnie Wolne" ("Doppelt frei") - die Kurzfassung dieser Doku, die vom Pilecki-Institut produziert wurde, haben wir bei Youtube mit deutschen Untertiteln versehen.

Noch in der Ersten Republik, der sog. Polnischen Adelsrepublik, basierte das Wahlrecht auf Eigentumskriterien und der Zugehörigkeit zum jeweiligen Stand. Frauen, die Steuern zahlten, konnten also an Wahlen teilnehmen. Dies änderte sich jedoch rapide nach der Teilung Polens, so wurde dieses Wahlrecht beispielsweise im preußischen Teilungsgebiet durch die Reformen des Reichsfreiherrn vom und zum Stein aufgehoben.

Doch die 123 Jahre lang dauernde Teilung Polens brachte auch noch andere Veränderungen und Herausforderungen für Frauen mit sich. Im russischen Teilgebiet durften Frauen an der russifizierten Warschauer Universität nicht studieren, im preußischen Teilgebiet gab es ohnehin keine Unis. Im autonomen Galizien ließen Ende des XIX Jahrhunderts gerade mal zwei Fakultäten – Medizin und Jura - Frauen zu.

Neben den fehlenden Bildungsmöglichkeiten wurden Frauen auch im Zivilrecht diskriminiert, welches die Besatzungsmächte an den Napoleonischen Kodex anpassten, sodass Frauen u.a. rechtsunfähig und nur sehr beschränkt geschäftsfähig waren.

In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts kamen deswegen Warschauer Positivist*innen zusammen, um eine Bildungsreform zu konzipieren und eine Reform des Zivilkodex zu fordern. Jadwiga Szczawińska-Dawidowa initiierte die erste sog. Fliegende Universität für Frauen. Der Name rührt daher, dass solche Unis keine feste Niederlassung hatten. An dieser Uni studierte übrigens u.a. Marie Skłodowska-Curie, die spätere Nobelträgerin.

Dies alles entfachte einen enormen Reformeifer, der über die Teilungsgebiete hinweg zur Entstehung und Stärkung eines gemeinsamen patriotischen Bewusstseins beitrug. Schnell war klar, dass die Reform des Bildungsrechts, Veränderung des Zivilkodex und die Einführung des Frauenwahlrechts eines eigenen, unabhängigen Staates bedurften. Aus dem Geiste der Suffragette-Bewegung entstanden viele Organisationen, darunter die wichtigsten drei:

- Die Vereinten Christlichen Gutsbesitzerinnen

- Der Fortschrittliche Bund für die Gleichberechtigung der Polnischen Frauen

- Eine Gruppe sozialistischer Unabhängigkeitsaktivistinnen, die der Kampforganisation der Polnischen Sozialistischen Partei angehörten

Diese drei Organisationen weiteten ihren Kampf um politische Rechte für Frauen an allen Fronten aus. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie nahmen auch eine wichtige Rolle im Ersten Weltkrieg ein und waren entscheidend an der Wiederentstehung des polnischen Staats beteiligt.

Ihre Mitgliederinnen waren natürlich auch publizistisch aktiv, die Entstehung des „Ster“ Magazins (etwa „Das Ruder“ im Sinne von „das Ruder fest in der Hand halten“), dessen Chefredakteurin die gemeinhin als die Begründerin der polnischen feministischen Bewegung geltende Paulina Kuczalska-Reinschmitt war, bot hierfür die perfekte Plattform.

Der lange Kampf trug nach dem Ersten Weltkrieg Früchte:

Mit dem Dekret vom 28. November 1918 über das Wahlverfahren für den Sejm wurde das allgemeine Wahlrecht für Frauen und Männer in Polen eingeführt. Es umfasste das aktive und passive Wahlrecht. Der Anführer der Sozialistischen Partei Polens, der Erste Marshall und spätere Staatschef Polens Józef Piłsudski betonte, dass „es hier nicht um die Linken oder die Rechten gehe, (…) sondern um das große Ganze“. Frauen haben „dieses Wahlrecht nicht bekommen, sondern sie haben es sich erkämpft“.

Insofern zeigt sich hier der tiefere Sinn der „Doppelten Freiheit“ – das Frauenwahlrecht konnte nur in einem eigenen unabhängigen Staat realisiert werden. Ohne Zweifel gibt es unterschiedliche Lesarten dieser politischen Gegebenheiten, sozusagen der „Entstehungsgeschichte“ des Frauenwahlrechts, denen wiederum die Erklärungsmuster unterschiedlicher Denkschulen zugrunde liegen. Der eher linksorientierte progressive Ansatz betont die durch die Evolution im gesellschaftlichen Bewusstsein befeuerten politischen Inklusivitätsbestrebungen. Möglich ist aber auch eine republikanisch-patriotische Perspektive, die wiederum die politische Unabhängigkeit und die Errichtung des eigenen Staats als die Conditio sine qua non anerkennt.

 

*Quelle: https://www.bpb.de/internationales/europa/polen/290937/analyse-frauen-in-der-polnischen-politik-am-beispiel-der-aussenpolitik-und-der-territorialen-selbstverwaltungswahlen-2018

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