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Die Entschlüsselung der Enigma und ihre polnische Vorgeschichte

30.07.2021

Bereits 1932 knackten Rejewski, Rózycki und Zygalski als Mitarbeiter des Biuro Szyfrów, der polnischen Dechiffrierstelle, den Code der Anfangsversion der deutschen Enigma-Maschine.

In den letzten zwei Jahrzehnten erinnerten gleich zwei Kassenschlager an die Geschichte der Enigma, einer berüchtigten Verschlüsselungsmaschine, mit der die Deutschen im Zweiten Weltkrieg ihre Funksprüche chiffrierten. Doch sowohl in Michael Apteds „Enigma“ von 2001 als auch in Morten Tyldums „The Imitation Game“ von 2014 erfahren die Zuschauer nicht viel von der polnischen Vorgeschichte, die wesentlich zum Knacken des Verschlüsselungscodes beitrug.

Die Geschichte der Entschlüsselung der Enigma begann weit vor dem Zweiten Weltkrieg. 1918 ließ der Ingenieur Arthur Scherbius die Enigma patentieren. Drei Walzen mit den Buchstaben des Alphabets verschlüsselten eine Nachricht in einer von 17.576 theoretisch möglichen Stellungen, die sich täglich änderte. Das polnische Militär hatte ein erhebliches Interesse, die deutschen Nachrichten zu entschlüsseln, da man auf eine mögliche Rückeroberung verlorener deutscher Gebiete gefasst sein wollte. Doch musste man dazu jeden Tag aufs Neue die Stellungen der Walzen herausfinden, um die Nachrichten der Deutschen zu entschlüsseln.

Marian Rejewski (1905-1980), Jerzy Rózycki (1909-1942) und Henryk Zygalski (1908-1978) studierten in der Zwischenkriegszeit an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Posener Universität. Seit 1929 wurde dort das Studienfach Kryptologie angeboten. Wo es vorher Aufgabe der Linguistik war, Nachrichten zu codieren und zu decodieren, besetzte bald die Mathematik diese Stelle. Die drei jungen Männer waren in ihrem Fachgebiet sehr bewandert und sprachen darüber hinaus auch noch Deutsch – eine optimale Ausgangssituation, die ihnen dazu verhalf, bald schon dem Rätsel der Enigma auf die Spur zu kommen.

Bereits 1932 knackten Rejewski, Rózycki und Zygalski als Mitarbeiter des Biuro Szyfrów, der polnischen Dechiffrierstelle, den Code der Anfangsversion der deutschen Enigma-Maschine. Über die Häufigkeit sich wiederholender Wörter konnte auf die Ausgangsstellung der drei Walzen rückgeschlossen werden. Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten erhöhte sich die Dringlichkeit der Aufgabe. Hunderte Mitarbeiter waren nötig, um den Tagescode zu knacken. Bald schon aber konnten die polnischen Kryptoanalytiker automatisch nach dem Schlüsselcode suchen. Rejewski baute 1938 nämlich das erste automatische Dechiffriergerät der Welt. Etwa 75 Prozent der mitgeschriebenen deutschen Geheimkorrespondenz konnte mit der „Bomba“ in wenigen Stunden entschlüsselt werden. Jahre später sollte Alan Turing in Erinnerung an diese erste Decodiermaschine seine Maschine „Bomb“ nennen.

Doch Ende des Jahres begannen die Deutschen, fünf statt drei Walzen zur Verschlüsselung zu verwenden, was die Kombinationsmöglichkeiten exponentiell ansteigen ließ. Im Sommer 1939 wurde immer deutlicher, dass ein Krieg bevorsteht. Bei einem Geheimtreffen im Kabaty-Wald von Pyry bei Warschau teilten am 26. und 27. Juli 1939 die die Kryptoanalytiker sämtliche Informationen über die Enigma mit dem britischen und französischen Geheimdienst, um die Verbündeten im bevorstehenden Krieg gegen Deutschland zu unterstützen.

In Bletchley Park nahe London arbeiteten die britischen Codeknacker unter dem Tarnnamen „Ultra“ ab Januar 1040 an der Entschlüsselung des Nachrichtenverkehrs der Wehrmacht. Der Mathematiker Gordon Welchman, der neben Alan Turing zu den führenden Köpfen der Operation gehörte, erinnerte sich später: „Ultra wäre nie in Gang gekommen, wenn wir nicht in letzter Minute von den Polen die Details der Enigma-Maschine des deutschen Militärs und der verwendeten Arbeitsmethoden erfahren hätten.“

Seit 2007 erinnert vor dem Posener Residenzschloss ein Denkmal an die drei Kryptologen.

Zum Weiterlesen:

Marek Grajek: Enigma – Bliżej prawdy. deutsch „Enigma – Näher an der Wahrheit“, Rebis 2010 (polnisch), ISBN 83-7510-103-6.

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