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Der Nationale Gedenktag der Verstoßenen Soldaten

01.03.2021

Seit 2011 wird in Polen am 1. März der Nationale Gedenktag der Verstoßenen Soldaten (Żołnierze Wyklęci) begangen.

Seit 2011 wird in Polen am 1. März der Nationale Gedenktag der Verstoßenen Soldaten (Żołnierzy Wyklętych“) begangen. Dieser Gedenktag erinnert an ein Thema, welches zu Zeiten des kommunistischen Systems tabuisiert wurde und ist unabdingbares Element der neuen polnischen Erinnerungskultur, die nach 1989 phasenweise Gestalt angenommen hat. Es lohnt also dem Thema auf den Grund zu gehen und zu verstehen, was es mit den „Verstoßenen Soldaten“ auf sich hat.

Vor dem Jahre 1989 stellte der offizielle kommunistische Diskurs das Vorgehen der Nachkriegsregierung gegen den antikommunistischen Untergrund nach 1945 als „Kampf gegen Banditen“ dar. Direkt und indirekt, z. B. durch geheimdienstliche Tätigkeiten, kämpften in den Reihen dieser heterogenen antikommunistischen Widerstandsgruppen ein paar hunderttausend Pol*innen – manche Schätzungen gehen gar von insgesamt 500.000 Mitgliedern aus. Ziel war es, den Aufbau staatlicher Machtapparate, welche der Sowjetunion vollends untergeordnet waren, aufzuhalten oder wenigstens zu behindern. Über die genauen Zahlen lässt sich streiten, aber Fakt ist, dass es die größte polnische Bewegung dieser Art bis zur Entstehung der Solidarność war. Besonders intensiv war der Widerstand im Osten (Podkarpacie, Białostocczyzna, Lubelszczyzna), denn dieser hatte gerade erst die Okkupation dieser Gebiete durch etwa 2 Millionen Soldaten der Roten Armee im Herbst 1944 erlebt, als es darum ging, das Rückgrat des polnischen antikommunistischen Untergrunds zu brechen und so einem zukünftigen der Sowjetunion untergeordneten Herrschaftssystem Tür und Tore zu öffnen. Alle, die diesem ihre Zustimmung verweigerten, wurden verfolgt, gefoltert, und verschwanden manchmal spurlos. Ihre Familien wurden häufig jahrelange im Unklaren darüber gelassen, was eigentlich passiert war.

Die antikommunistische Widerstandsbewegung verfolgte unterschiedliche Ziele: zum einen ging es ihr um militärischen Widerstand gegen den neuen Besatzer, zum anderen gehörte die Errichtung einer publizistischen Gegenöffentlichkeit dazu, z. B. um über lokale Geschehnisse jenseits der offiziellen staatstragenden Propaganda zu informieren. So legten Begriffe wie „Bürgerkrieg“ nahe, in Polen würde ein durch zwei sich ähnlicher Beliebtheit erfreuende Parteien ausgetragener innenpolitischer Konflikt stattfinden. Dem war entschieden nicht so, was das bekanntlich gefälschte Referendum vom Juni 1946 zeigte, als in Wahrheit 73% gegen die Aufhebung des Senats waren entgegen der offiziellen Zahlen laut welcher 68% dafür stimmten.

Eine immer wiederkehrende wichtige Fragestellung der historischen Forschung lautet: War das Engagement der „Verstoßenen Soldaten“ freiwillig oder blieb ihnen im Angesicht der drohenden Verhaftung und gezielten militärpolitischen Operationen gegen den antikommunistischen Untergrund praktisch keine Wahl? Wie immer kann man wohl davon ausgehen, dass dies von Einzelfall zu Einzelfall unterschiedlich war. Doch gerade die Anführer und Generäle, die bereits gegen die sowjetische Okkupation 1939–1941 gekämpft hatten, nahmen die neue Situation nicht als eine vom Schicksal aufgezwungene politische Ordnung, sondern als einen erneuten gegen die Unabhängigkeit Polens gerichteten Angriff eines Drittstaates, in diesem Falle der Sowjetunion, wahr. Manche Soldaten glaubten auch noch daran, dass es zu einem dritten Weltkrieg kommen könnte, andere wollten den lokalen Gemeinschaften, ihren Nachbarn, ein Beispiel sein und zeigen, wie man der drohenden Machtübernahme der Kommunisten Einhalt gebieten kann.

Um sich die Situation und vor allem das Dilemma, mit welchen sich die Mitglieder des antikommunistischen Untergrunds konfrontiert sahen, vor Augen zu führen, lohnt es sich, den bekannten Spielfilm „Asche und Diamant“ von Andrzej Wajda anzusehen. Zbigniew Cybulski spielt darin Maciej Chełmicki, einen Vertreter des kommunistischen Widerstands, der den Auftrag bekommt, am letzten Tag des Weltkriegs einen kommunistischen Funktionär zu töten. Zwischenzeitlich lernt er jedoch eine sehr reizende Dame kennen. Chełmicki findet sich in einer tragischen Situation wieder, in der keine Entscheidung zu einem guten Ende zu führen vermag. Sein Dilemma, zwischen höheren Idealen und einem erfüllten, gelungenen Leben zu entscheiden, stand symbolisch für eine ganze Generation.

Bis 1947 erfuhren die „Verstoßenen Soldaten“ einen regen Zulauf, doch das zunächst gefälschte Referendum, dann die ebenso gefälschten Wahlen und die fehlende Reaktion des Westens darauf trübten den Kampfgeist. Das Amnestiegesetz, welches an antikommunistische Aktivisten gerichtet war, tat sein Übriges, um unterschiedliche Gruppierungen gegeneinander auszuspielen. Die kommunistischen Machthaber legten dann eine härtere Gangart ein und lokale antikommunistische Strukturen wurden liquidiert. Die immer noch vorhandenen Widerstandsgruppen handelten zunehmend in Notwehr und um die eigenen Strukturen zu schützen; kaum jemand glaubte noch, dass man dem kommunistischen System ein baldiges Ende setzen könnte. 1952 wurde die kommunistische Verfassung eingeführt. Es fand nochmals eine gezielte Aktion gegen antikommunistische Widerstandsgruppen statt, obwohl diese zu der Zeit ohnehin dezimiert waren. 1963 starb der letzte bekannte Vertreter der Verstoßenen Soldaten, Józef Franczak, genannt „Lalka“. Sein Tod stand damit symbolisch für ihr Ende.

Am 19. Januar wurde die AK, die Heimatarmee, durch einen Befehl von Gen. Okulicki aufgelöst. Nicht alle entschieden sich für die Fortsetzung des Widerstands: gerade die Generäle und Anführer hatten noch die Szenen aus der „Sturmaktion“ im Kopf, als massenweise polnische Soldaten vom sowjetischen Geheimdienst NKWD verhaftet und exekutiert wurden. Andere plagten Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung nach fünf Jahren eines scheinbar endlosen Krieges, zumal die sowjetische Machtübernahme durch die ausbleibende Reaktion der internationalen Öffentlichkeit auf das gefälschte Referendum und die Wahlen besiegelt wurde.

Im Zuge der Geschichtsaufarbeitung ist es immer wieder zu Kontroversen und hitzigen öffentlichen Diskussionen gekommen. Diese betrafen z. B. die Rolle von anerkannten Intellektuellen wie Leszek Kołakowski, der gerade zu der Zeit der kommunistischen Partei PZPR beigetreten war oder Zygmunt Bauman, welcher sich als Geheimagent beim kommunistischen Militärgeheimdienst betätigte und in einem skandalösen Interview in der englischen Tageszeitung The Guardian die Bekämpfung des antikommunistischen Untergrunds mit der Bekämpfung der Al-Kaida verglich.

Andere Kontroversen rührten aus neueren geschichtswissenschaftlichen Erkenntnissen, die zeigen, dass manche Mitglieder – eine klare Minderheit – auch Gewalttaten an Zivilisten verübt haben. Die Debatte darüber wurde nicht nur von publizistischen Vertretern des liberalen oder linken Lagers getragen, sondern z. B. auch von Piotr Zychowicz, dem Chefredakteur des konservativen historischen Monatsmagazins „Do Rzeczy Historia“.

War es sinnoll, nach 1945 entgegen dem Urteil des geopolitischen Schicksals einen bewaffneten Widerstand gegen die kommunistischen Herrscher fortzuführen? Dies war eine immer wiederkehrende Frage.

Abgesehen vom moralischen Wert des Widerstands und der damit verbundenen normenprägenden Funktion wurde in der öffentlichen Diskussion immer wieder hervorgehoben, wie ihr Kampf maßgeblich dazu beigetraten hatte, dass in Polen die Agrarwirtschaft niemals vollständig kollektiviert wurde. Gerade nach 1956, bei allen wirtschaftlichen Absurditäten, Menschenrechtsverletzungen und anderen Hürden, die den Menschen durch die kommunistischen Machthaber in den Weg gestellt waren, wurde vielfach betont, wie das System letztlich doch etwas liberaler war als z. B. in der benachbarten DDR. Das gilt nicht zuletzt für die Kultur, die Universitäten wie auch für die Medien.

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