News

Tadeusz Kotarbiński - der letzte Mohikaner der Lemberg-Warschau Schule

07.04.2021

Tadeusz Kotarbiński, seinem Selbstverständnis nach ein „praktischer Realist“, war ein bedeutsamer europaweit in akademischen Kreisen geschätzter polnischer Denker, der so manchem Stereotyp über die analytische Philosophie widersprach.

Ihrem Wesen nach verlaufen ideengeschichtliche Prozesse langwierig, komplex, aber eben auch kontingent, weswegen manchmal gar nur ein Satz großflächige Veränderungen in Gang setzen kann. „Viele Dinge weiß der Fuchs, aber der Igel weiß nur eine große Sache“, ein Vers, welcher der Feder des antiken griechischen Dichters Archilochus entstammt, ist so ein Satz. Er inspirierte den großen liberalen Denker Isaiah Berlin dazu, einen ganzen Essay über zwei Arten des Philosophierens zu verfassen. Auf der einen Seite Hegel, Nietzsche und Dostojewski, die von gewissen philosophischen ersten Prinzipien ausgehend das große Ganze zu erfassen versuchen, auf der anderen Seite Goethe, Herodot oder der gemeinhin als Erfinder des Begriffs „Essay“ geltende Michel de Montaigne, welche, was auch dieser Begriff in seiner ursprünglichen Bedeutung nahelegt, das fragmentarische, unsystematische Denken affirmieren. Und dann gibt es auch noch die klassischen Vertreter:innen der analytischen Philosophie, die in keine der beiden Sparten so wirklich hineinpassen wollen. Da sie oft den Erkenntnisgewinn aus der traditionellen Philosophie als bescheiden bis nicht vorhanden einschätzen, nehmen sie Abstand von jeglichen ambitionierten Großansätzen – egal ob systematisch oder nicht – und stürzen sich auf möglichst detaillierte, hauptsächlich der Sprachanalytik und Logik nahestehende Fragestellungen. Sie werden deswegen manchmal als „mathematisierende Langweiler“ wahrgenommen. Das Leben und das Denkuniversum von Tadeusz Kotarbiński widerspricht dem jedoch radikal.

In einer musikalisch besonders bewanderten Familie groß geworden, folgte Kotarbiński nicht unmittelbar dem auf den ersten Blick offensichtlichen genetischen Pfad, denn weder das Komponieren von Musikstücken – wie der Vater –, noch die Vorstellung als Konzertpianist sein täglich Brot zu verdienen – wie die Mutter –, ließen sein Herz höher schlagen. Stattdessen war dieser Platz reserviert für Disziplinen wie Logik, Mathematik, Architektur und Philosophie. Die ihm innewohnende Passion dafür entdeckte er als Student in Krakau, Lwów (Lemberg) und Darmstadt, wobei aus diesem intellektuellen Potpourri letzten Endes die Philosophie als Sieger hervorgehen sollte. 1912 schloss Kotarbiński seine Promotion bei Kazimierz Twardowski über die utilitaristische Ethik John Stuart Mills und Robert Spencers ab. Dies war überhaupt nur möglich wegen seines doppelten Abiturs. Denn ursprünglich besuchte er ein russischsprachiges Gymnasium, wo seine Teilnahme an einem Protest mit einem Schulverweis geahndet wurde. So musste er dann an einem privaten polnischen Gymnasium sein Abitur ablegen, doch dieses wurde im damaligen russischen Teilungsgebiet nicht anerkannt, weswegen Kotarbiński sich gezwungen sah, an einem öffentlichen philologischen Gymnasium im heutigen Estland ein weiteres Mal die Abiturprüfung zu bestehen. Zwischenzeitlich wohnte er bei den Malinowskis, wo er u. a. den bekannten polnischen Anthropologen Bronisław Malinowski und den Schriftsteller und Künstler Stanisław Witkacy (https://instytutpileckiego.pl/.../stanislaw-ignacy...) kennenlernte.

Kotarbińskis Doktorvater Kazimierz Twardowski gilt als Gründungsvater der sogenannten Lemberg-Warschau-Schule. Twardowski zog es 1895 nach Lwów um dort, nach und nach seine eigene philosophisch-logische Methodik entwickelnd, Philosophie zu lehren. Dabei ließ er sich von Denkern wie Franz Bretano, Edmund Husserl und Alexius Meinong inspirieren und stand mit ihnen auch in einem engen, regen und offenen Austausch.

Nach der Staatsgründung Polens 1918 verlagerten viele Vertreter dieser Denkschule ihren Wohnsitz nach Warschau, woher auch der Name „Lemberg-Warschau-Schule“ rührt. Philosophie, Logik, Wissenschaftstheorie und Sprachanalytik ergaben in dem Denkkosmos vieler damaliger philosophischer Kreise eine Einheit, darunter auch im Wiener Kreis und in der Berliner Gesellschaft für empirische Philosophie. So verwundert wenig, dass man sich untereinander austauschte und gemeinsam internationale Kongresse für die Einheit der Wissenschaften organisierte. Dies war ein wichtiges Kapitel des Hineinwachsens geographisch diverser intellektueller Strömungen in einen europäischen intellektuellen Kulturraum.

Bis 1929 war es Kotarbiński gelungen, an der Universität zum Dekan aufzusteigen. Ganz klar sah er sich als Akademiker in der Rolle des Public Intellectuals, welcher keine Scheu zeigte, sein publizistisches Temperament auszuleben. So geschehen in den dreißiger Jahren, als er den europaweit aufkeimenden Nationalismus und Antisemitismus mit großer Sorge verfolgte und seine Solidarität mit jüdischen Student:innen bekundete, indem er zusammen mit ihnen zusammenhielt während des Unterrichts, als es an der Universität in Warschau zu offenen Diskriminierungsmaßnahmen gegen sie gekommen war. In diesem Zeitraum wurden die Grundpfeiler seines philosophischen Denkens bereits erkennbar, welcher er später in Werken wie dem 1955 erschienen „Traktat über die gute Arbeit“ oder „Das ABC der Praktikabilität“ (1971) vereinheitlichte. Diese lauteten: Konkretismus (auch Reismus genannt), Praxeologie, die Handlungstheorie und die sog. unabhängige Ethik.

Ontologisch gesehen gibt es laut Kotarbiński nur singuläre Gegenstände, „konkrete Sachen“. Psychische Dispositionen, Ereignisse, Verhältnisse, Eigentum – das alles „gibt es“ laut Kotarbiński nicht, denn es handelt sich hierbei um Abstraktionen und hypothetische Begriffe.

Diese erleichtern mitunter zwar die alltägliche Kommunikation, sorgen aber auch dafür, dass wir sie mit real existierenden Gegenständen verwechseln und uns deswegen plötzlich mit philosophisch unbeantwortbaren Fragestellungen konfrontiert sehen. Insofern gibt es zwar den gerechten Richter, aber die Gerechtigkeit attestieren wir ihm aufgrund konkreter Handlungen, nicht aufgrund einer abstrakten universalen „Gerechtigkeit“. Ebenso gibt es keinen Regen, sondern nur beobachtbare Regentropfen, keinen Krieg, sondern nur Armeen, die sich bekämpfen. Von hier aus führt kein weiter Weg zu Kotarbińskis „unabhängiger Ethik“.

Kotarbiński suchte philosophisch nach Normen und Regeln, dank welchen man die jeweilige Handlung als ethisch, als moralisch vertretbar einschätzen kann. Derweil erlaubte ihm sein Konkretismus nicht, derartige Normen in metaphysischen, übernatürlichen Sphären ausfindig zu machen, was vermutlich auch seinen Atheismus und seine antiklerikale Haltung erklärt.

Das führte Kotarbiński dazu, das Konzept des „zuverlässigen Betreuers“ zu formulieren. Laut Kotarbiński steckt in jedem von uns ein potenziell zuverlässiger Betreuer, denn wir alle haben Menschen um uns herum, für die wir verantwortlich sind. Indem wir für sie da sind und ihnen in schwierigen Augenblicken helfen, erfüllen wir die Tugend der Zuverlässigkeit. Für Kotarbiński liegt diesem Konzept das richtige Verständnis von Ethik zugrunde, denn es ist an konkrete, beobachtbare Handlungsakte gebunden, nicht an ein übergeschichtliches Ideal.

Es liegt nahe, hier ein klassisches Dilemma der Philosophie wiederzufinden – die klassische Kontroverse zwischen Platon, der die Existenz universaler abstrakter Ideale jenseits des „Hier und Jetzt“ postulierte und Aristoteles, welcher wiederum ethische Normen an konkrete Handlungsakte und situative Dispositionen band. Andere philosophische Kontexte lassen sich in der Verbindung aus Erkenntnistheorie und Logik wiedererkennen, welche ähnlich wie bei Ludwig Wittgenstein dann als Grundbaustein nahezu aller philosophischen Überlegungen dienen, ebenso einige Grundannahmen des Logischen Empirismus.*

Kotarbińskis weiterer wichtiger Beitrag zur Philosophie war sein Entwurf der Praxeologie. Diese ist eine Handlungstheorie, die Befehle, Beschränkungen, Voraussetzungen, und Ziele von Handlungen hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und Effektivität klassifiziert.

Er nannte die Praxeologie einen praktischen Realismus, der vor allem in der Soziologie, Wirtschaftswissenschaften und dem, was man heute als „Business and Management“ bezeichnen würde, Anerkennung fand. Die Praxeologie Kotarbińskis trägt gleichwohl ethischen Fragen Rechnung, indem sie Vertrauen und Zuverlässigkeit einen hohen Stellenwert beimisst und Vorwürfe einer potenziellen blinden Zielorientiertheit der, wie Max Horkheimer sie wohl nennen würde, „Instrumentellen Vernunft“ entkräftet.

Im Zweiten Weltkrieg arbeitete Kotarbiński an einer Universität im Untergrund. Obwohl dies unter dramatischen Umständen geschah, schwelgte Kotarbiński später hin und wieder in Nostalgie, als er die Meinungs- und Denkfreiheit an dieser Universität mit der Lage im kommunistischen Polen verglich. Viele seiner wichtigen Werke wurde im Warschauer Aufstand zerstört und verbrannt. Nach 1945 war er einer der Mitgründer der Universitäten und Fakultätsleiter im Bereich Philosophie an der Universität in Łódź. Er kehrte dann nach Warschau zurück. Dort lehrte er bis zu seiner Emeritierung 1961 Philosophie und Logik. Von 1957 bis 1962 war er Präsident der Polnischen Akademie der Wissenschaften, an der er die Arbeitsstelle für Praxeologie gründete und leitete. Seit 1965 war er korrespondierendes Mitglied der British Academy und der Vorsitzende des Institut International de Philosophie.

Zu seinen Schülern gehörten Alfred Tarski (welcher neben Aristoteles, Gottlob Frege und Kurt Gödel zu den vier wichtigsten Logikern der Philosophiegeschichte gehört), Leszek Kołakowski und die beiden bekannten Soziolog:innen Maria und Stanisław Ossowski.

Prof. Timo Airaksinen von der Universität in Helsinki ist der Meinung, dass das Werk „Das Ziel des Handelns und die Aufgabe des Ausführenden“ aus dem Jahre 1913 mit Klassikern wie „On Denoting“ von Bertrand Russell oder „The Subject Matter of Ethics“ von George E. Moore verglichen werden kann.

Kotarbiński setzte damit als einziger polnischer Philosoph die Tradition der neopositivistischen Lemberg-Warschau-Schule fort und propagierte ihre Erkenntnisse somit auch auf internationaler Ebene. Er war ihr letzter Mohikaner.

*Erwähnenswert in diesem Kontext ist Wittgensteins Evolution, welcher sich bekanntlich zunächst in seinem Tractatus logico-philosophicus auf die Suche nach der logisch vollkommenen Sprache begab, um ein einwandfreies Verhältnis zwischen Realität und Sprache zu erarbeiten, bevor er dann in den „Philosophischen Untersuchungen“ die Sprache als rein kommunikatives Mittel, als bloße unendliche Ansammlung von „Sprachspielen“ bloßstellt und entmystifiziert. Er ging gar soweit, das philosophische Bedürfnis nach metaphysischer Tiefe im Grunde genommen als ein therapiebedürftiges Phänomen darzustellen. Eine solche Evolution ist bei Kotarbiński zwar nicht erkennbar, Spuren dieser Überlegungen aber durchaus. Ebenso verhält es sich mit dem Logischen Empirismus, für welchen vor allem der Wiener Kreis bekannt war. Der Logische Empirismus definierte die Philosophie als Sprachanalyse, dank welcher herauszuarbeiten sei, welche Erkenntnisse und Aussagen analytisch und logisch zulässig sind und welche nicht. Dieses eher minimalistische Konzept ging u. a. aus der Diagnose hervor, dass die strengen Wissenschaften über Jahrhunderte hinweg auf einen klaren Erkenntnisgewinn und Fortschritt zurückblicken konnten, während dies bei der Philosophie nicht der Fall war.

See also