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Der erste Massentransport nach Auschwitz und seine Gefangenen

01.06.2020

Am 14. Juni 2020 jährt sich zum achtzigsten Mal die Errichtung des KL Auschwitz. In einer speziellen Serie wollen wir uns ihren Lebensgeschichten widmen. Der erste Text über Wieslaw Kielar.

 

1. Wiesław Kielar und seine Lagerchronik

Einer der Zeitzeugen, denen wir ausführliche Berichte über das KZ Auschwitz verdanken, ist der vor 30 Jahren verstorbene Wiesław Kielar, Autor des 1966 veröffentlichten Memoirenbandes Anus Mundi – Fünf Jahre Auschwitz (1979 in deutscher Übersetzung erschienen). Beim Anblick des Titels – „After der Welt“ – mag man zunächst stutzen. In seinem Vorwort erklärt Mieczysław Kieta, Journalist und selbst Auschwitz-Überlebender, den  Hintergrund dieser Formulierung: Sie soll einem Ausspruch des in Birkenau tätigen SS-Hauptsturmführers und Arztes Heinz Thilo entstammen, der einer Schilderung seines Amtskollegen Johann Paul Kremer zufolge nach der Ermordung von 800 inhaftieren Frauen das Konzentrationslager mit diesen Worten bezeichnet hatte. Kieta dazu: „Wenn jener Ausdruck vom Verlag als Titel der Erinnerungen von Kielar angenommen wurde, so geschah es jedoch nicht nur deswegen, weil [er] auf die einfachste kürzeste Art die Funktion des hitleristischen Vernichtungslagers ausdrückt, sondern auch deswegen, weil ‚Anus Mundi’, wie Antoni Kepinski (sic!) schrieb, der Welt einen Menschen in der ganzen Skala seiner Natur gezeigt hat: neben der erschreckenden Bestialität – Heldentum, Opferbereitschaft und Liebe. Ich glaube, der Titel Anus Mundi besagt eigentlich alles.[1]

Wiesław Kielar kam im August 1919 in Przeworsk zur Welt und wuchs im nahe gelegenen Jarosław auf, wo er im Mai 1940 verhaftet und in das Tarnower Gefängnis gebracht wurde. Dort blieb er nur sehr kurz - bis zum 14. Juni, dem Tag, an dem der Transport mit Gefangenen Richtung Auschwitz aufbrach. Über die Fahrt schreibt Kielar: „Das Wetter war herrlich. Nicht verwunderlich, es war ja Mitte Juni. Hinter den Fenstern des Waggons huschten die noch grünen Kornfelder, schattige Haine, Dörfer und kleine Städte vorbei. Die im Felde arbeitenden Bauern grüßten uns und winkten. Unser Zug sah unschuldig aus.[2]

Als der Transport nach einer Zwischenstation in Krakau schließlich im Lager eintraf, war es augenblicklich vorbei mit solchen, fast idyllischen Bildern: „Wir fahren wohl ein Nebengleis an, da wir einen großen Bogen machen, so daß die Räder des Zuges unbarmherzig quietschen. Jetzt dürfen wir uns gar nicht bewegen. Wir dürfen nicht einmal in die Richtung der Fenster schauen. Wir sitzen bewegungslos. (…) Hinter dem Fenster hört man wilde deutsche Schreie, Laufen, Trampeln. Plötzlich werden die Türen unseres Waggons mit einer Wucht aufgerissen. Irgend jemand draußen schreit entsetzlich: ‚Alle raus! … los, verfluchte Banditen.’ Unsere Begleiter helfen uns auf ihre Art, aus dem Waggon auszusteigen. Sie schlagen uns mit den Karabinerkolben auf den Rücken, daß es widerhallt. Wie wahnsinnig stürzen wir alle auf einmal zu dem einzigen Ausgang. Einer nach dem anderen springen wir aus dem hohen Waggon direkt auf die SS-Männer zu, die ein Spalier bilden (…) Unter den entsetzlichen Gebrüll der SS-Männer stürzen wir, geschlagen und gestoßen, wie eine Herde verrückt gewordener Schafe in das offene Tor hinein.[3]

Von den über siebenhundert Männern, die hier zusammen mit Kielar ins Lager geprügelt wurden, sollten nur etwas mehr als ein Viertel die Haft überleben.

 

[1] Mieczysław Kieta: Vorwort, in: Wiesław Kielar: Anus Mundi –Fünf Jahre Auschwitz, Frankfurt am Main 1979, S. 13.

[2] Wiesław Kielar: Anus Mundi –Fünf Jahre Auschwitz, Frankfurt am Main 1979, S. 15.

[3] Ebenda, S. 16.

 


 

Der erste Massentransport nach Auschwitz und seine Gefangenen

 

Am 14. Juni 2020 jährt sich zum achtzigsten Mal der erste Massentransport von Gefangenen zum KL Auschwitz. Ergänzend zu unserem bereits angekündigten Pariser-Platz-Seminar am 9. Juni zum Thema „Die Intelligenzaktion und die Errichtung des KL Auschwitz“ werden wir deshalb ab heute jeden Tag an einen der Inhaftierten aus diesem Transport erinnern.

Die frühesten Auschwitz-Transporte hängen eng mit gezielten großflächigen Aktionen zusammen, die sich gegen die polnische Intelligenz und potentielle Widerstandsbewegungen richteten. Die Vernichtung der Intelligenz war seit den ersten Besatzungstagen ein wesentliches Element der nationalsozialistischen Eroberungs- und Niederwerfungspläne. Ein gezielter Schlag gegen ihre geistigen Eliten sollte die Polen in Schockstarre versetzen und ihrer potentiellen konspirativen Führungskräfte berauben. Angefangen im Oktober 1939 wurden im Rahmen der sog. „Intelligenzaktion“ unter Leitung von Reinhard Heydrich zehntausende polnische Hochschullehrer, Ärzte, Juristen, Geistliche und Repräsentanten vieler weiterer intellektueller Berufe direkt ermordet oder in Konzentrationslager deportiert. Eine Fortsetzung dieser Maßnahmen stellte seit dem Mai 1940 die „AB-Aktion“ (kurz für „Außerordentlich Befriedungsaktion“) dar. Sie richtete sich gegen angenommene aufrührerische Kräfte sowie „Berufsverbrecher“ und hatte anfangs hauptsächlich die Form von Massenexekutionen, oft verbunden mit provisorischen Standgerichtsverfahren, denen mehrere Tausend Menschen zum Opfer fielen. Zunehmen wurden diese sofortigen Morde aber auch von Deportierungen in Konzentrationslager begleitet.

Der erste Massentransport nach Auschwitz brachte am 14. Juni 1940 728 Häftlinge aus dem Gefängnis in Tarnów in das Lager, die die Gefangenennummern 31 bis 758 erhielten (frühere Gefangene waren Einzelgefangene aus dem KZ Sachsenhausen, die bei der Errichtung des Lagers zwangseingesetzt worden waren und später in Auschwitz Aufsichtsfunktionen erfüllten). Unter http://www.chsro.pl/pierwszy-transport/lista.html kann die Liste sämtlicher Personen aus dem Transport eingesehen werden.

 

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