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Heute wird in Polen ein Gedenktag, der an den sog. „Posener Juni“, die Proteste im Juni 1956 erinnert, begangen.

Heute wird in Polen ein Gedenktag, der an den sog. „Posener Juni“, die Proteste im Juni 1956 erinnert, begangen. Er erinnert an eine von der kommunistischen Armee blutig niedergeschlagene, politisch jedoch äußerst folgenschwere Protestwelle, welcher eine Vorreiterrolle bzw. Vorbildfunktion für andere Protestwellen im Ostblock zukam und die noch immer geduldig darauf wartet, den ihr zustehenden Platz in der europäischen Erinnerungskultur einzunehmen. Die Proteste inspirierten u.a. die Aufständischen des weitaus besser bekannten Ungarischen Volksaufstands von 1956.

100.000 Teilnehmende, 600 Verletzte, 57-100 Getötete – es mag wenig verwundern, dass sich der Abschied der stalinistischen Variante des kommunistischen Systems am 28. Juni 1956 blutig gestaltete. Wer nur die unmittelbaren Ursachen für diese Gegebenheiten ausfindig machen will, stößt dabei auf ein im Ostblock ständig wiederkehrendes Problem: die Misswirtschaft.

Bereits im Frühling 1955, einige wenige Quellen geben gar Ende 1954 an, geben die Arbeiter:innen ihrem sich zu dem Zeitpunkt reichlich kumulierten Unmut immer häufiger Ausdruck. Zum einen waren da die Produktionsleerläufe, bedingt durch den Mangel an Halbfertigteilen und Blechen, welcher seinerseits wiederum ein Resultat der Planwirtschaft war. Zugleich wurden die Arbeitsnormen jedoch regelmäßig erhöht – zwei völlig divergierende Entwicklungen, die natürlich von der offiziellen Propaganda nicht thematisiert werden konnten. Zum anderen war da aber auch noch das Problem der nicht ausgezahlten Prämien und des sog. Udarnik – die Gruppe der produktivsten Arbeiter:innen, die eine Extrasteuer zu zahlen hatten, wurde regelmäßig vergrößert. Proteste sowie Briefe an das entsprechende Ministerium und Zentralkomittee wurden monatelang ignoriert und sorgten für viel Frust.

Dabei schien die Lösung des Problems für einen kurzen Augenblick greifbar nahe: In der Nacht zum 26. Juni kehrte eine Arbeiterdelegation nach Posen zurück, nachdem ihr wenige Stunden zuvor zugesichert wurde, dass zumindest ein Teil ihrer Forderungen berücksichtigt würde. Doch die kalte Dusche erwischte sie am nächsten Morgen, als der Minister für Maschinenindustrie plötzlich seine Meinung änderte. Kurzum: das Maß war voll.

Die Parole „Wir wollen Brot und Freiheit!“ bündelte viele Forderungen der insgesamt rund 100.000 Demonstrant:innen, die sich am Morgen des 28. Juni versammelten. Vor allem forderten sie niedrigere Lebensmittelpreise, Lohnerhöhungen und politische Rechte. Sie entwaffneten Polizisten, besetzten Gebäude der Verwaltung und des Rundfunks und zerstörten auch einen Störsender, mit dem Radiosendungen aus dem Ausland behindert wurden.

Nachdem der Einsatz von Wasserwerfern seitens Polizei wirkungslos blieb, eskalierte die Situation schließlich – aus den Gebäuden der UB (der polnischen Staatssicherheit) wurde auf die Demonstrant:innen geschossen, die sich im Anschluss gestohlener Waffen bedienten und sich schnell mit Soldaten konfrontiert sahen, die dem Befehl folgten, die, wie es offiziell hieß, „pro-deutschen Elemente“ zu bekämpfen. Der Aufstand wurde bis zum 29. Juni mit Hilfe von rund 10.000 Soldaten und Panzerunterstützung blutig niedergeschlagen.

Die extreme Eskalation nach 11 Uhr wird häufig damit im Verbindung gebracht, dass zu dem Zeitpunkt der Verteidigungsminister und sowjetische General Konstantin Rokossovsky die persönliche Kontrolle übernommen hatte. Dieser bestellte seinen Stellvertreter, einen polnisch-sowjetischen General, zu sich und ließ dann eine Gruppe niederer sowjetischer Offiziere auf die Demonstranten los. Dementsprechend änderte sich auch der Deutungsrahmen der Proteste – es handelten sich nun nicht mehr nur um feindliche Klassenelemente, sondern es wurde eine Kontinuität mit den Protesten der DDR aus dem Jahre 1953 und eine außenpolitische Dimension postuliert: Die „pro-deutschen Demonstranten“ sollten sich angeblich von deutschen Provokateuren verführen haben lassen, um dem Image Polens – zu der Zeit lief gerade die Internationale Messe in Posen – zu schaden.

Ein Dokument der Stasi zeigt, dass eine ähnliche Lesart der Proteste auch in der DDR dominierte: „Unter den Stimmen, die eine richtige Einschätzung der Vorkommnisse in Poznan geben, sind einige, die betonen, dass hier die gleichen Kräfte am Werk waren, wie bei uns am 17. Juni 1953. Hierzu einige Äußerungen, die für die Meinung vieler gilt [sic!]:

»Bei dem Putschversuch in Poznan waren die Urheber die gleichen Kräfte wie bei uns am 17. Juni 1953.« (Ein Angestellter vom Ministerium für Chemische Industrie Berlin) (…)”

Ein klassisches Narrativ der Geschichtsschreibung zu diesem Thema besagt, dass 1956 die Arbeiter:innen allein, d.h. ohne Unterstützung anderer gesellschaftlicher Schichten protestierten, 1968 dieses Schicksal dann die Vertreter der oppositionellen Eliten teilten, bis dann 1980 im Zuge der Entstehung der Solidarność-Bewegung die Synthese aller Klassen glückte. Dieses Bild mag ob seiner scheinbaren Kohärenz verführend wirken, doch wird es dem Facettenreichtum all dieser Ereignisse nicht gerecht und wird somit insbesondere im Kontext der sog. März-Ereignisse 1968 vermehrt in

Frage gestellt.

Man sollte festhalten, dass kurz nach der brutalen Repressionswelle, die den Protesten in Poznań folgte, die Posener Zeitschrift „Zaboje“ („Schlaglöcher“), ein Sammelbecken für die lokale junge Intelligenz in Posen, forderte, dass man ein den Posener Protestierenden gewidmetes Denkmal errichten sollte.

Ferner gilt es auch noch einen anderen soziopolitischen Kontext zu betrachten, welcher zeigt, dass in diesem Zeitraum unterschiedliche gesellschaftliche Schichten politisch aktiv waren.

Bereits 1955 wurde der Klub Krzywego Koła („Klub des schiefen Kreises“) gegründet – Intellektuelle, Oppositionsführer und Vertreter des öffentlichen kulturellen Lebens (u.a. solch illustre Namen wie Władysłąw Bartoszewski, Jan Józef Lipski, Tadeusz Kotarbiński oder Leszek Kołakowski) kamen zusammen, um die Zukunft der Unabhängigkeit Polens zu besprechen, die Ineffizienz der Planwirtschaft zu kritisieren und die Verfolgung der nichtkommunistischen polnischen Streitkräfte und der Heimatarmee anzuprangern. Sie waren zwar nicht bei den Protesten dabei, bildeten aber einen wichtigen Teil des damaligen intellektuellen Klimas. So waren einige ihrer Mitglieder bekannte Publizist:innen des Magazins „Po Prostu“ („Ganz einfach“). Dieses spielte eine wichtige symbolische Rolle, auf welche gleich noch näher eingegangen wird.

Beide das System in Frage stellenden Bewegungen – sowohl die Arbeiterdemonstrationen als auch die kritischen intellektuellen Gruppierungen – füllten ihrerseits wiederum das neu entstandene politische Vakuum und waren eine Reaktion auf die Erweiterung des politisch möglichen und Denkbaren, welche wiederum auf den Tod von Josef Stalin, den Tod des polnischen stalinistischen Machthabers Bolesław Bierut und der Verkündung des berüchtigten Chruszczow-Referats auf dem 20. Parteitag der kommunistischen Partei der Sowjetunion zurückzuführen war.

Innerhalb der polnischen kommunistischen Partei entfachte sich ein Machtkampf zwischen zwei Fraktionen („Natolinczycy“ und „Puławianie“), den stalinistischen Hardlinern, die an der bisherigen Linie festhalten wollten und den Befürwortern einer seichten Liberalisierung gepaart mit einem eher partnerschaftlichen als vollends unterwürfigen Verhältnis zur Sowjetunion.

So gesehen waren die Posener Proteste Resultat und Ursache zugleich: Bis zu einem gewissen Grad entsprangen sie den neuen politischen Verhältnissen, gehörten ihrerseits aber auch wiederum zu den treibenden Kräften hinter dem sog. polnischen Oktober, dessen langfristige Folgen massiv, vielfältig und bisweilen auch ambivalent waren.

Im Zuge des sog. polnischen Tauwetters wurde der den „Liberalen“ näherstehende Władysław Gomułka zum neuen Parteioberhaupt ernannt. Tatsächlich war dieser auch dafür bekannt, dass er eine größere diplomatische Distanz zur Sowjetunion pflegte und in den ersten Wochen bzw. Monaten seinen Worten und Ankündigungen einer gewissen Liberalisierung durchaus Taten folgen ließ, wenngleich diese nicht von Dauer waren. Das oben angesprochene Magazin „Po Prostu“ war zunächst tatsächlich deutlich einfacher zu bekommen; sowjetische Berater verließen das Land, um ein Signal zu setzen, dass die kommunistische Volksrepublik nun mehr Autonomie genießen konnte; politische Häftlinge aus der stalinistischen Ära wurden freigelassen. Für viele große spätere Vertreter der Opposition, darunter z.B. Jacek Kuroń, war dies das letzte große politische Event, bei welchem sie noch der Möglichkeit eines systeminternen Wandels, symbolisiert durch die von Gomułka versprochene „antibürokratische Mobilisierung“, Glauben schenkten.

Doch gerade das Schicksal von „Po Prostu“ steht exemplarisch für die weitere politische Entwicklung: Ab 1957 war es wieder regelmäßig Schikanen ausgesetzt, bevor es 1962 geschlossen wurde. Gomułka erfreute sich anfangs massiver Beliebtheit, die aber schnell nachließ. Der Lebensstandard stagnierte, die Meinungsfreiheit wurde schrittweise eingeschränkt und 1968 reagierte das Regime mit massiven Repressalien, als es in Polen wieder zu Massenprotesten gekommen war. Tatsache ist, dass die Entstalinisierung Polens durchaus geglückt war, doch die Art und Weise, wie die die Ära von Gomułka endete - – 1970 wurde in Gdańsk wieder auf Arbeiter:innen geschossen – spricht Bände. Wer auf eine tiefergehende Liberalisierung hoffte, ganz zu schweigen von einem dezentralen, rätebasierten Modell des Sozialismus, der wurde mal wieder eines Besseren belehrt.

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