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Bronisław Czech - der Skimeister aus Zakopane

05.06.2020

Der zweite Beitrag unserer speziellen Serie anlässlich des 80.Jahrestags der Errichtung des KL Auschwitz. Diesmal geht es um den Skimeister aus Zakopane, den dreimaligen Olimpiateilnehmer Bronisław Czech.

2. Bronisław Czech – der Skimeister aus Zakopane

Unter den Männern, die am 14. Juni 1940 im ersten Transportzug nach Auschwitz saßen, befand sich auch der Skisportler Bronisław „Bronek“ Czech. Geboren wurde Czech in Zakopane, dem bekanntesten polnischen Wintersportort am Fuß des Tatragebirges. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. sowie der Zwischenkriegszeit war die Stadt aber weit mehr als das – als beliebte Urlaubsbleibe vieler Schriftsteller, Künstler und Intellektueller galt Zakopane als eines der heimlichen Zentren polnischer Kultur und diente u.a. dem Nobelpreisträger Henryk Sienkiewicz, dem Schriftsteller, Maler und Philosophen Stanisław Ignacy Witkiewicz oder dem Komponisten Karol Szymanowski als Quelle der Inspiration.

Vielleicht hatte genau dieses intellektuelle Klima wiederum Bronek Czech inspiriert, dessen Interessen sich beileibe nicht auf sportliche Aktivitäten beschränkten und in ihrer Vielseitigkeit auch auf einer Akademie der Künste gut aufgehoben wären- Czech malte Bilder, am liebsten auf Glas, schnitzte im Holz, schrieb Gedichte und spielte Geige. 1932 absolvierte er sogar eine kurze Episode als Schauspieler, als er in dem bei Zakopane gedrehten Film „Biały Ślad“ (Die weiße Spur) einen Skisportler mimte. Zusätzlich besaß er eine Piloten- und Kursleiterlizenz für Segelflugzeuge und war Mitglied des Luftsportvereins seiner Heimatstadt.

 

All diese Beschäftigungen hinderten ihn freilich nicht daran, in seinem wichtigsten Tätigkeitsfeld, dem Skisport, insbesondere dem Springen und dem Langlauf, beachtliche Erfolge zu erzielen. Als einer der besten Winterathleten seiner Zeit gewann Czech mehrfach Goldmedaillen bei polnischen Meisterschaften im Skispringen sowie der Nordischen Kombination, stellte einige Schanzenrekorde auf, belegte auch in internationalen Wettbewerben vordere Plätze und vertrat Polen auf drei Olympiaden – 1928 in St. Moritz, 1932 in Lake Placid und 1936 in Garmisch-Partenkirchen. Daneben war er Bergretter und leidenschaftlicher Wanderer und Bergsteiger, der in der Hohen Tatra eine Reihe von Erstbesteigungen anspruchsvoller Wände und Routen auf seinem Konto hatte – etwa im Massiv des Kościelec, der Kozie Czuby oder des als sehr schwierig geltenden Żabi Koń.

Als der Krieg ausbrach, engagierte sich Czech bis zu seiner Verhaftung durch die Gestapo im Mai 1940 im Widerstand, half bei illegalen Kurierdiensten über die Tatra nach Ungarn. In Auschwitz war er an der von Witold Pilecki mitorganisierten konspirativen Bewegung beteiligt. Und er gab seinen Mitgefangenen Kraft und Hoffnung. Edmund Zabawski, einer von Pileckis Fluchthelfern, erinnert sich an den Sportler: „Später trafen wir uns fast täglich zwischen Block 24 und 15 (…). Wir redeten viel, wir tauschten Informationen aus, und später – Päckchen von zu Hause. Ich mochte Bronek sehr, er war mir wie ein Bruder. Sogar nach traurigen Geschehnissen im Lager, versuchte er uns aufzumuntern, zu erheitern. Das werde ich ihm nie vergessen. Meistens erzählte er von den Bergen, vom Skifahren, von Segelflugzeugen (…) und natürlich vom Zuhause. Freundlich, gut gelaunt, kollegial – er war für uns ein ‚Gegengift’ gegen das Lagerleben.[1]

 

Ein weiterer Freund, den Czech im Lager fand, war der Maler Xawery Dunikowski. Im März 1945 schrieb dieser an Broneks Schwester Stanisława einen Brief:

Verehrte Dame! Leider muss sich Ihnen mit Traurigkeit mitteilen, dass Ihr Bruder, Herr Bronisław Czech, tot ist. Ich kannte ihn sehr gut und bedauere ihn ungemein, weil er ein sehr netter junger Mann war. Wir waren beide im Krankenhaus, er starb plötzlich, in meinem Beisein, an einem Herzschlag, ohne Schmerz. Es geschah am 5. Juni 1944 um zwei Uhr mittags (…) Berührend war der Moment seines Todes. Wir saßen am Fenster, ein schöner Sonnentag. Vor unserer Baracke, auf dem lagerten auf dem Platz Zigeuner,  spielten auf ihren Instrumenten unaufhörlich unterschiedliche fröhliche Musikstücke. Als sie durch uns vom plötzlichen Ableben von Herrn Bronisław erfuhren, unterbrachen sie ihr Spiel und stimmten gleich darauf den Trauermarsch von Chopin an.[2]

Bronisław Czech wurde 35 Jahre alt.

 

[1]  Transkript eines Interviews mit Edmund Zabawski vom 24.8.1990, zitiert nach: Halina Zdebska: Bronisław Czech (1908-1944) – człowiek i sportowiec, in: Folia Turistica nr. 23 2010, S. 272.

[2] Xawery Dunikowski: Brief an die Familie Czech, zitiert nach: ebenda.

 

 


Der erste Massentransport nach Auschwitz und seine Gefangenen

 

Am 14. Juni 2020 jährt sich zum achtzigsten Mal der erste Massentransport von Gefangenen zum KL Auschwitz. Ergänzend zu unserem bereits angekündigten Pariser-Platz-Seminar am 9. Juni zum Thema „Die Intelligenzaktion und die Errichtung des KL Auschwitz“ werden wir deshalb ab heute jeden Tag an einen der Inhaftierten aus diesem Transport erinnern.

Die frühesten Auschwitz-Transporte hängen eng mit gezielten großflächigen Aktionen zusammen, die sich gegen die polnische Intelligenz und potentielle Widerstandsbewegungen richteten. Die Vernichtung der Intelligenz war seit den ersten Besatzungstagen ein wesentliches Element der nationalsozialistischen Eroberungs- und Niederwerfungspläne. Ein gezielter Schlag gegen ihre geistigen Eliten sollte die Polen in Schockstarre versetzen und ihrer potentiellen konspirativen Führungskräfte berauben. Angefangen im Oktober 1939 wurden im Rahmen der sog. „Intelligenzaktion“ unter Leitung von Reinhard Heydrich zehntausende polnische Hochschullehrer, Ärzte, Juristen, Geistliche und Repräsentanten vieler weiterer intellektueller Berufe direkt ermordet oder in Konzentrationslager deportiert. Eine Fortsetzung dieser Maßnahmen stellte seit dem Mai 1940 die „AB-Aktion“ (kurz für „Außerordentlich Befriedungsaktion“) dar. Sie richtete sich gegen angenommene aufrührerische Kräfte sowie „Berufsverbrecher“ und hatte anfangs hauptsächlich die Form von Massenexekutionen, oft verbunden mit provisorischen Standgerichtsverfahren, denen mehrere Tausend Menschen zum Opfer fielen. Zunehmen wurden diese sofortigen Morde aber auch von Deportierungen in Konzentrationslager begleitet.

Der erste Massentransport nach Auschwitz brachte am 14. Juni 1940 728 Häftlinge aus dem Gefängnis in Tarnów in das Lager, die die Gefangenennummern 31 bis 758 erhielten (frühere Gefangene waren Einzelpersonen, die bei der Errichtung des Lagers zwangseingesetzt worden waren). Unter http://www.chsro.pl/pierwszy-transport/lista.html kann die Liste sämtlicher Personen aus dem Transport eingesehen werden.

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