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Biopolitik im disziplinären Netzwerk - Prof. Dr. Margarete Vöhringer.

03.12.2020

"Biopolitik im disziplinären Netzwerk: Wie Medizin, Pädagogik, Arbeitswissenschaft und Eugenik den Neuen Menschen der frühen Sowjetunion formten" - Prof. Dr. Margarete Vöhringer. Ein Online-Vortrag am 09.12.2020.

Die erste Online-Veranstaltung unserer neuen Vortragsreihe "Der Neue Mensch":

"Biopolitik im disziplinären Netzwerk: Wie Medizin, Pädagogik, Arbeitswissenschaft und Eugenik den Neuen Menschen der frühen Sowjetunion formten" - Prof. Dr. Margarete Vöhringer.

Online-Vortrag | 9. Dezember 2020 | 18:30–20:00 Uhr

Der Vortrag wird auf Deutsch in Form eines Webinars via Zoom mit Simultanübersetzung ins Englische stattfinden. Hier können Sie sich registrieren: https://zoom.us/webinar/register/WN_Bw0Z7PNHQeuvgmzQPpzTjQ


 

Prof. Dr. Margarete Vöhringer

Margarete Vöhringer ist Professorin für "Materialität des Wissens" am Kunstgeschichtlichen Seminar der Georg-August-Universität Göttingen. Sie studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie, Philosophie und Ästhetik sowie Medienkunst an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Nach der Promotion 2006 an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrte sie an Universitäten in Berlin (FU, HU, UdK), Weimar und Zürich. 2006–2009 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) Berlin im DfG-Projekt "Reflex und Kognition" und an der Edition des "Historischen Wörterbuchs interdisziplinärer Begriffe" beteiligt. 2011–2016 leitete sie den Forschungsbereich "Visuelles Wissen" und war Mitglied des Planungsteams des ZfL Berlin. Zu ihren Forschungsinteressen gehören Experimente in Kunst und Wissenschaft, Wahrnehmungsforschung, die Russische Avantgarde, die Geschichte der Kulturtechniken sowie die Materialität des Wissens.


 

Biopolitik im disziplinären Netzwerk

Mitte der 1920er Jahre hatte man in der Sowjetunion neben der beschleunigten Industrialisierung mit der Verwandlung von Bauern in Arbeiter zu tun. Man fand sich in der paradoxen Situation wieder, dass der Neue Mensch, der zum einen die neue Gesellschaftsform des Sozialismus erschaffen musste, zugleich ein Effekt der neuen, noch nicht existierenden Welt sein sollte. Zur Lösung dieser Paradoxie schienen nur die Wissenschaften vom Menschen in der Lage. Die Sozialistische Akademie der Wissenschaften richtete nun Abteilungen nicht nur für Mathematik und Physik, sondern auch für Psychologie, Neurologie und Biologie ein. Hier wurden vor allem die praxisbezogenen Disziplinen programmatisch entworfen – Pavlovs Reflexlehre als Grundlage für die Pädagogik, die Arbeitswissenschaften als Anwendungsfeld von Physiologie und Psychologie und schließlich die Eugenik als Anwendungsbereich der Genetik.
Anhand verschiedener Beispiele untersucht Margarete Vöhringer die Kühnheit des Strebens nach dem Neuen Menschen, verweist aber auch auf die potentiell katastrophalen biopolitischen Folgen.


 

Vortragsreihe „Der Neue Mensch“

Anfang des 20. Jahrhunderts schien der von Industrialisierung und sozialem Wandel ergriffene Mensch europaweit und über die verschiedenen politischen Lager hinweg erneuerungsbedürftig. Die Vorstellungsbilder um den neu zu erschaffenden Menschen nahmen je nach ideologischem Gefüge spezifische Formen an. Gemeinsam war ihnen aber, programmatisch zu wirken, um so entweder reformatorisch oder mit revolutionären Mitteln die Metamorphose des Menschen durchzusetzen. Das Streben der Zukunft und dem Neuen Menschen entgegen machte unterschiedlichste politische Bewegungen zu genuin modernen. Selbst restaurative und reaktionäre Bewegungen beschworen das Bild einer Erneuerung, wenn es ihnen darum ging, eine als grandios imaginierte Vergangenheit zu reinstallieren.

Die Vortragsreihe soll sich verschiedenen politischen, gesellschaftlichen, gestalterischen und architektonischen Experimenten des 20. Jahrhunderts widmen und dabei ihre visionären, idealistischen Aspekte ebenso wie ihre Schattenseiten herausarbeiten. In Vorträgen und Diskussionen wollen wir Phänomene wie Wohnsiedlungsbau, Standardisierungs- und Regulierungsstrategien des Alltags sowie verschiedene biopolitische Ansätze berücksichtigen und anhand dieser Phänomene zugleich Fragen nach der Verfremdung der Utopie vom Neuen Menschen und ihrem dystopischen Potential stellen.

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