News

Ludwik Lejzer Zamenhof und die Erfindung des Esperanto

14.07.2021

Am 14. Juli 1887 erschien in Warschau „Unua Libro“, das erste Lehrbuch für Esperanto. Heute erinnern wir an seinen Autor, dessen Idealismus und Friedensaktivismus uns bis heute inspirieren.

Ludwik Lejzer Zamenhof und die Erfindung des Esperanto

Am 14. Juli 1887 erschien in Warschau „Unua Libro“, das erste Lehrbuch für Esperanto. Heute erinnern wir an seinen Autor, dessen Idealismus und Friedensaktivismus uns bis heute inspirieren.

Ludwik Lejzer Zamenhof wurde 1859 im polnischen Białystok geboren, das nach den Teilungen Polens zunächst unter preußischer, dann lange unter russischer Herrschaft stand. Seine Geburtsstadt war multiethnisch geprägt, und wie viele Städte in Mittel- und Osteuropa zu der Zeit war auch Białystok wahrhaftig ein modernes Babel: Auf den Straßen wurde Polnisch, Jiddisch, Russisch, Deutsch und Belarusisch gesprochen.

Wie ganze zwei Drittel der Stadt wuchs auch Zamenhof in einem jüdischen Haushalt auf. Der Vater war assimilierter, russischsprachiger Jude, die Mutter sprach mit den Kindern Jiddisch. Als Kind des Zeitalters der Nationen sah Zamenhof zunächst durch Haskala und Assimilation eine jüdische Zukunft in Europa. Er interessierte sich für russische Literatur und träumte als Kind davon, russischer Schriftsteller zu werden. Zugleich verstand er sich selbst immer als Jude, achtete die kulturellen Traditionen und betonte, zwar „Sohn Polens“ und Bürger des russischen Zarenreiches zu sein, aber kein Pole im ethnischen Sinne.

1874 zog die Familie in das ebenfalls russisch beherrschte Warschau, wo Zamenhof das Gymnasium besuchte. Im 19. Jahrhundert fand bekanntermaßen eine Pogromwelle gegen die jüdische Bevölkerung statt, größtenteils zwar im russischsprachigen Teil des Imperiums, aber 1881 machte sie auch vor Warschau nicht halt. Nicht zuletzt unter dem Eindruck der Pogrome schloss Zamenhof sich der zionistischen Befreiungsbewegung an, durch die er seine spätere Frau kennenlernte. Doch verlor der Zionismus bald für ihn seine Überzeugungskraft: Die hebräische Sprache müsste wiederbelebt werden – eine schwierige Aufgabe – und insgesamt schätzte er das Nationalgefühl unter den Juden als nicht besonders groß ein, zumindest als nicht groß genug, um einen jüdischen Staat zu restituieren. Und so begann er, mit dem Universalismus zu liebäugeln, der nicht zuletzt einen Schutz für alle Verfolgten in der Welt versprach.

Dies ist der Kontext, in dem die Geburt des Esperanto stand. Zamenhofs Mehrsprachigkeit war ihm in die Wiege gelegt. Er war neben dem Russischen und Jiddischen noch mit dem Polnischen, Deutschen, Französischen und Hebräischen vertraut; in der Schule lernte er zudem Griechisch, Latein und Englisch. Für das Jiddische, seine Mameloschn (dt.: Muttersprache), das damals als „ostjüdischer“ Jargon belächelt war, verfasste Zamenhof schon früh eine Grammatik. Mit den vielen ihn umgebenden Sprachen verband er jedoch nicht bloß kulturelle Vielfalt. Im Sprachwirrwarr sah er einen Grund für die vielen interethnischen Konflikte. Daher kam er irgendwann zur Konklusion, dass eine leicht zu erlernende, internationale Sprache der Schlüssel für einen beständigen Frieden wäre.

1887 veröffentlichte Zamenhof dann in Warschau seine Plansprache unter dem Pseudonym „Doktoro Esperanto“ (Doktor Hoffender). Die Wortstämme der Sprache wurden den indoeuropäischen Sprachen entnommen – ein großer Teil aus den romanischen Sprachen, doch finden sich auch viele Wörter mit germanischem, slawischem und griechischem Ursprung. Den Wortstämmen werden regelmäßige Endungen hinzugefügt, die die Sprache leicht erlernbar machen. So enden Substantive mit -o und Adjektive mit -a. Der Plural wird durch die Endung -j angezeigt.

Zamenhof war nicht allein mit seinen idealistischen Ambitionen. So entwickelte zum Beispiel der deutsche Pfarrer Johann Martin Schleyer eine weitere Plansprache, Volapük, ungefähr zur gleichen Zeit. Zuletzt setzte sich aber Esperanto als erfolgreichste Plansprache durch: Sie fand eine große Anhängerschaft, heute hat sie zwischen 0,5 und 2 Mio. Sprecher, es gibt internationale Magazine, in etwa 300.000 Wikipedia-Artikel, sogar ein Museum in China. Interessant ist auch, dass Esperanto zu den 30 am häufigsten getwitterten Sprachen gehört. Seit 1998 existiert an der Adam-Mickiewicz-Universität in Posen der Studiengang „Interlinguistik“, der auf Esperanto unterrichtet wird. Die Sprache gehört zudem seit 2014 zum offiziellen immateriellen Kulturerbe Polens.

Vieles aber sprach mit der Zeit gegen die konstruierte Sprache als Weltsprache. Das Englische setzte sich am ehesten als internationale Lingua franca durch, wenngleich strenggenommen nur ein Bruchteil der Weltbevölkerung die Sprache beherrscht. Das künstlich entwickelte Esperanto fand nicht auf organischem Wege Eingang in den Alltag der Menschen. Es gab auch Kritik an der komplizierten Deklination, die Adjektive miteinschloss – in vielerlei Gesichtspunkten einfacher hingegen das Englische.

Und dann gab es eine andere Form der Kritik an der Sprache: Sie sei zu lokal geprägt. Eine solche Kritik formulierte der Deutsch-Balte Edgar von Wahl, der sich zunächst der Esperanto-Bewegung anschloss, doch nach fehlgeschlagenen Reformversuchen seine eigene Plansprache Occidental entwickelte. Er kritisierte an Esperanto die an der polnischen Sprache orientierte Orthographie, die bei den romanisch-stämmigen Wörtern das Erlernen der richtigen Aussprache erschwerte. Auch sei die für das Polnische typische Betonung der Wörter auf der vorletzten Silbe ein Lernhindernis. Trotz der Bemühungen, die Sprache für Nicht-Europäer einfacher zu machen, ist ihre europäische Herkunft nicht von der Hand zu weisen. Zudem drohte sie sich stets in lokale Dialekte auszudifferenzieren.

Das Schicksal von Esperanto steht damit sinnbildlich für das Zeitalter der Moderne, das nichts mehr als universal sein wollte, und dabei vergaß, dass es auf das Partikulare, Lokale verwiesen blieb. Vielleicht ist es aber auch mehr eine Frage der Zeit, ob sich eine Universalsprache durchsetzt. Mit 100 Jahren ist Esperanto vergleichsweise jung. Es bleibt abzuwarten, ob sich eine einfachere, wahrhaftig transnationale Weltsprache durchsetzt.

Zamenhof starb 1917. Die lokalen ethnischen Konflikte in Białystok – Ursprung der Suche nach einer Sprache für den Weltfrieden – löste Esperanto nicht. Ihnen setzte der deutsche Besatzer ein jähes Ende; die jüdische Mehrheitsbevölkerung der Stadt wurde wie im restlichen Polen fast vollständig vernichtet. Ludwik Zamenhofs Tochter Lidia engagierte sich bis zuletzt für die Verbreitung von Esperanto. Mit ihren zwei Geschwistern kam auch sie im Holocaust um.

 

 

 

 

Weiterführend:

 

https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/weltsprache-wie-geht-es-esperanto

Esperanto: Die Möchtegern-Weltsprache – Deutschlandfunk-Podcast vom 18. Mai 2018

 

https://www.jstor.org/stable/44933640

Weltsprache aus Warschau: Ludwig Lazarus Zamenhof, das Esperanto und Osteuropa – Artikel von Ziko van Dijk

 

 

See also