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„Wir wollten frei sein und uns diese Freiheit selbst verdanken“

01.08.2021

Vor 77 Jahren, am 1. August 1944, begann der Warschauer Aufstand um 17 Uhr, der sogenannten "Godzina W", der "W-Stunde".

„Wir wollten frei sein und uns diese Freiheit selbst verdanken“

Jedes Jahr heulen am 1. August um 17 Uhr die Sirenen in Polen und die Menschen schweigen eine Minute lang: Vor 77 Jahren, am 1. August 1944, begann der Warschauer Aufstand um 17 Uhr, der sogenannten „Godzina W“, der „W-Stunde“.

Es war die größte bewaffnete Untergrundaktion im vom deutschen NS-Regime besetzten Europa und endete am 2. Oktober 1944. Ursprünglich sollte der Aufstand nur wenige Tage dauern, am Ende waren es aber mehr als zwei Monate. Insgesamt 63 Tage lang führten die Aufständischen einen heroischen, zugleich aber auch isolierten Kampf für ein unabhängiges, von der deutschen Besatzung und sowjetischen Herrschaft befreites Polen.

Während der Kämpfe in Warschau wurden rund 18.000 Aufständische getötet und weitere 25.000 verwundet. Etwa 3500 Soldaten der 1. Infanterie-Division „Tadeusz Kościuszko“ fielen ebenfalls. Die Zahl der zivilen Toten war enorm und belief sich auf etwa 180.000 bis 200.000. Die restlichen 500.000 Überlebenden wurden aus der Stadt verjagt, welche nach dem Aufstand fast vollständig dem Erdboden gleichgemacht wurde. Deutsche Spezialeinheiten setzten Dynamit sowie schwere Artillerie ein und zerstörten die noch stehenden, intakten Gebäude systematisch mehr als drei Monate lang.

Wie kam es zu dem Aufstand? Und welchen Platz nimmt er in der polnischen Erinnerungskultur ein?

Nach dem deutschen Überfall am 1. September und dem Einmarsch der sowjetischen Truppen am 17. September befand sich Polen in einer sehr prekären Lage. Teile Polens wurden vom Deutschen Reich annektiert und im Rahmen des sog. Generalgouvernement verwaltet. 900.000 Polen wurde als Zwangsarbeiter ins Reich deportiert, aus den annektierten Gebieten wurden etwa 800.000 bis 1,2 Million Polen und 300.000 Juden in das Generalgouvernement vertrieben. Ihren Platz nahmen ca. 400.000 aus Osteuropa, u.a. den baltischen Staaten, angesiedelte Deutsche ein. Von Anfang an wurden im Rahmen der Intelligenzaktion und AB-Aktion die polnischen gebildeten Schichten, die sog. Inteligencja, Opfer einer gezielten, großflächig angelegten Eroberungs- und Niederwerfungspolitik.

 

Der Reichsführer SS Heinrich Himmler beschrieb die Zielsetzung dieser Politik wie folgt:

„Für die nicht-deutsche Bevölkerung des Ostens darf es keine höhere Schule geben als die vierklassige Volksschule. Das Ziel dieser Volksschule hat lediglich zu sein: Einfaches Rechnen bis höchstens 500, Schreiben des Namens, eine Lehre, dass es ein göttliches Gebot ist, den Deutschen gehorsam zu sein, und ehrlich, fleißig und brav zu sein.“

Der jüdische Teil der Bevölkerung wurde in Ghettos in unmenschlichen Verhältnissen isoliert gefangen gehalten, für jegliche Hilfe für Juden wurde vom deutschen Besatzungsregime die Todesstrafe eingeführt, selbst für eine Scheibe Brot. Der Rest der Bevölkerung war Opfer von alltäglicher Gewalt und Staatswillkür – Mord und Todschlag waren an der Tagesordnung,

Generalgouverneur Hans Frank im Februar 1940: „In Prag waren z. B. große rote Plakate angeschlagen, auf denen zu lesen war, dass heute 7 Tschechen erschossen worden sind. Da sagte ich mir; wenn ich für je 7 erschossene Polen ein Plakat aushängen lassen wollte, dann würden die Wälder Polens nicht ausreichen das Papier herzustellen für solche Plakate.“

Im sowjetisch okkupierten Teil Polens wurden zunächst im Oktober Schauwahlen durchgeführt, welchen unmittelbar eine wütende Sowjetisierungspolitik folgte: Zunächst Erschießungen, Verhaftungen und Verurteilungen, dann Deportationen in russische Gulags.

In der Nacht vom 9. zum 10. Februar 1940 wurde die erste von insgesamt vier Deportierungswellen im Zuge der Sowjetisierung der annektierten polnischen Ostgebiete durchgeführt: Zunächst waren Mitarbeiter der Forstverwaltung, ehemalige Militärangehörige und polnische Gutsbesitzer mitsamt ihren Familien betroffen, später auch noch Lehrer, Beamte, Unternehmer, schließlich auch polnische und jüdische Geflüchtete aus dem Generalgouvernement. Viele von ihnen überlebten nicht die Fahrt in den Viehwaggons, andere erlagen den unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen im Gulag.

Prof. Andrzej Paczkowski geht davon aus, dass zwischen 1939 und 1941 etwa eine Million polnische Bürger verhaftet, deportiert, gefoltert oder auf sonstige Weise unterdrückt wurden. Er schätzt die Zahl der Todesopfer auf etwa 90.000 bis 100.000.

Nach der verlorenen „September-Kampagne“ flohen etwa 85.000 polnische Soldaten, Offiziere und Politiker nach Frankreich und Rumänien. Am 30. September 1939 wurde die polnische Exilregierung in Frankreich aufgestellt, welche nach der Niederlage Frankreichs ihren Sitz nach London verlagerte.

Neben der Vereinigung fast aller militärischen Widerstandsgruppierungen, die zunächst den Namen ZWZ (Verband für den bewaffneten Kampf) trug, bis sie dann am 14. Februar 1942 zur heute geläufigeren, in ihren Reihen etwa 400.000 Mitglieder zählenden Armia Krajowa (Heimatarmee) umgetauft wurde, war auch der zivile bzw. kulturelle Widerstand von höchster Bedeutung: ein unabhängiges Pressewesen, Hochschulen im Untergrund und ein umfangreiches Netz an Stipendien galt der Erhaltung und Kontinuität der polnischen Kultur.

Da die geomilitärische Lage zwischen 1941 und 1943 nach der Aktion Barbarossa und der Schlacht von Stalingrad einem graduellen Wandel unterlag, galt es eine Antwort auf die Herausforderungen der neuen Situation zu finden. „Burza“ (Sturmgewitter) wurde die neue Strategie genannt.

Am 20. November 1943 wurden erste Überlegungen und Pläne geschmiedet, wie gegen das nun zunehmend schwächelnde deutsche Besatzungsregime militärisch vorzugehen sei. Der Oberkommandierende der Heimatarmee (AK) war zu diesem Zeitpunkt General Tadeusz Bór. Hauptziel war, die verbleibenden deutschen Militäreinheiten zumindest radikal zu schwächen, am besten gänzlich zu bezwingen oder zu vertreiben und dann das daraus resultierende temporäre territoriale Vakuum einzunehmen, um dort vor den einrückenden sowjetischen Truppen eigene administrative Strukturen aufzubauen.

Zunächst versuchte man das eigenständig, dann zusammen mit der Roten Armee. Da diese aber nach gemeinsam gewonnenen Schlachten die polnischen Soldaten und Offiziere entwaffnete sowie verhaftete und die Alliierten sich zudem zu diesen Vorfällen nicht äußerten, geschweige denn in irgendeiner Form politisch oder militärisch eingriffen, erwies sich auch dieser Plan als wenig zielführend.

All dies befeuerte weitere strategische Überlegungen, bis das AK-Kommando zu einem folgeschweren Entschluss kam: Warschau wurde zum Epizentrum des Widerstands auserkoren.

Die Bildung einer kommunistischen Marionettenregierung in Form des Lubliner Komitees und die daraus resultierende Notwendigkeit, die eigene politische Position und Bedeutung in der Bevölkerung zu manifestieren, aber auch der Erfolg der Alliierten in der Normandie, das Attentat auf Hitler am 20. Juli und erste Evakuierungen deutscher administrativer Strukturen und Lagerräume aus Warschau beeinflussten ebenfalls die Entscheidungsträger. Man hatte zudem Angst, dass sich das abzeichnende Aufeinandertreffen der Sowjets und der Deutschen die Hauptstadt in Schutt und Asche legen würde.

Für den Warschauer Aufstand galt die gleiche Devise wie für die ganze Aktion „Burza“: Militärisch war sie gegen Deutschland gerichtet, politisch gegen die Sowjetunion.

Geplant war, dass der Aufstand drei bis vier Tage lang dauern würde. Man hoffte auf die Unterstützung der Alliierten und wollte, nach der Befreiung Warschaus, die dann eintretenden sowjetischen Truppen als politisch gefestigter und souveräner „Territorialherrscher“ empfangen.

Am 1. August um 17 Uhr sollte es losgehen. Allerdings schwächte die polnische Seite von Anfang an ein erheblicher Waffenmangel, einige Einheiten erhielten den Befehl zu spät und in manchen Teilen der Stadt kam es bereits vorher zu vereinzelten Feuergefechten.

Die Aufständischen hatten durchaus einige bemerkenswerte Anfangserfolge zu verzeichnen: Sie beherrschten zunächst knapp die Hälfte Warschaus, darunter das Gebäude der Versicherungsgesellschafft Prudential, das Postgebäude der Stadt und das Elektrizitätswerk. Doch angesichts fehlender Hilfe seitens der Alliierten, der sich zurückhaltenden Sowjets, die vorher noch absichtlich und zynisch alle Warschauer zum Kampf angespornt hatten, sich aber die ganze Zeit über von machtpolitischem strategischen Kalkül leiten ließen, um den polnischen Widerstand ausbluten zu lassen, wurde der Aufstand zu einem zunehmend ungleichem Kampf gegen die Waffen-SS, gegen schwere deutsche Artillerie und Luftangriffe.

Exemplarisch für die extrem brutale Art, den Aufstand niederzuschlagen, steht insbesondere ein Name: Heinz Reinefarth.

Nachdem sich die 20.000 Mann starke Warschauer Garnison anfangs sehr schwer tat, gegen die Aufständischen anzukommen, erhielt der Oberbefehlshaber der SS und Polizeiwachen-Gruppenführer Reinefarth am Nachmittag des 3. August 1944 den Befehl von Himmler, aus den zur Verfügung stehenden Kräften der Wehrmacht, der Polizei und der SS eine Kampftruppe gegen die Aufständischen zu formieren.

Am 4. August 1944 erreichte den westlichen Teil Warschaus ein Trupp bestehend aus 2750 Männern. An diesem Tag begann die Schlacht um Wola, welche, verschiedenen Einschätzungen zufolge, zwischen 30.000 und 60.000 Menschen das Leben kostete.

Frauen, Kinder, ältere Menschen sowie Männer wurden erschossen und lebendig verbrannt; es fanden Raubzüge und brutale Vergewaltigungen statt. Um das Verbrechen zu vertuschen, wurde das sogenannte Verbrennungskommando gebildet. Polnische Männer wurden gezwungen, diesem beizutreten und Tausende von Leichen zu verbrennen. Nachdem sie dies dann getan hatten, wurden alle, mit Ausnahme einiger Geflüchteter, erschossen.

Nach 63 Tagen wurde am 2. Oktober dann die Kapitulation unterschrieben. Etwa 180.000 bis 200.000 Zivilisten wurden während des Aufstands getötet, die Stadt glich nun einem apokalyptischen Inferno: „Systematisch gingen deutsche Truppen nach dem Aufstand daran, Straßenzug für Straßenzug in die Luft zu sprengen. Von Warschau blieb nur noch ein Trümmerfeld übrig.“

Bald folgte die sowjetische Einvernehmung Polens und das blutig aufgezwungene kommunistische Regime übernahm die Macht.

In den ersten Jahren wurden jegliche Formen des Gedenkens und der kollektiven Erinnerung an den Warschauer Aufstand bekämpft. Infolge des sog. „Tauwetters“ und einer damit einhergehenden Lockerung, zumindest im Vergleich zur stalinistischen Ära, unterlag das offiziell proklamierte Deutungsmuster des Regimes einem gewissen Wandel. 1956 erschien der Film „Kanał“ von Andrzej Wajda, das öffentliche Narrativ hob von nun an die heroische Rolle der Soldaten und Zivilisten hervor im Kontrast zu den Anführern, an denen weiterhin nur Kritik geäußert werden durfte.

Dennoch: Erst am 1. August 1989 wurde auf dem Krasiński-Platz vor dem Gebäude des Obersten Gerichts das Denkmal des Warschauer Aufstandes enthüllt.

Das Thema erfuhr in den 1990er Jahren keine sehr große Beachtung, selbst die Gedenkfeier anlässlich des 50. Jahrestages des Warschauer Aufstand fiel relativ klein aus. 2004 wurde das Museum des Warschauer Aufstands auf Initiative des damaligen Warschauer Bürgermeisters Lech Kaczyński eröffnet. Seitdem nimmt der Warschauer Aufstand seinen verdienten Platz in der kollektiven Erinnerung Polens ein.

Dort angekommen, sorgt er indes auch weiterhin für viele Kontroversen. Bereits unmittelbar nach der Entscheidung, den Warschauer Aufstand stattfinden zu lassen, provozierte er viele erhitzte Diskussion. Bis zu einem gewissen Grade kann man ihn als „nationalen Zankapfel“ beschreiben, was aber laut dem Philosophen und stellvertretenden Direktor des Museums des Warschauer Aufstands Dariusz Gawin auch seine guten Seiten hat, denn in gewisser Hinsicht befeuert er das zivilgesellschaftliche Engagement und stärkt das Gefühl des Dazugehörens in der polnischen Gesellschaft.

Ein bekannter Teilnehmer und auch Autor wichtiger Bücher zu dem Thema war Władysław Bartoszewski. Er verteidigte die Entscheidungsträger vehement. Bartoszewski zufolge war das Bedürfnis, das eigene Zuhause wiederzuerlangen nach fast fünf Jahren brutaler Besatzung und das dafür verantwortliche Besatzungsregime endlich in die Schranken zu weisen sehr verbreitet. Laut Bartoszewski soll der Aufstand außerdem auch maßgeblich dazu beigetragen haben, dass Polen nicht zu einer sowjetischen Republik wurde und das kommunistische System in Polen langfristig liberalere Züge annahm im Vergleich zu vielen anderen Ländern des Ostblocks. Er soll auch den Kampfgeist der Polen gestärkt und zugleich auch eine moderierende Wirkung auf spätere Generationen ausgeübt haben, die bei den Protestwellen in den Jahren 1956, 1970 und 1980 die Erfahrungen aus dem Warschauer Aufstand stets im Hinterkopf behielten.

Auf der anderen Seite wird auch die bekannte Einschätzung des Oberbefehlshabers General Władysław Anders von vielen geteilt: „Es reicht nicht zu sagen, dass der Aufstand keinen Sinn hatte. Nein, er war ein Verbrechen! Keiner konnte ernsthaft darauf hoffen, dass die Sowjets uns zur Hilfe kommen würden…“

Diese Diskussion wird höchstwahrscheinlich nie ein Ende finden und auch nichts an ihrer Dramatik einbüßen. So dürfte auch wenig überraschen, dass im Titel eines 2014 erschienenen, breit diskutierten Buches die dem Thema unausweichlich anhaftende Emotionalität Ausdruck fand: „Der Wahnsinn 1944“.

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