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Ein Beitrag bei "Fazit“ im Deutschlandfunk über unsere Ausstellung „Beim Namen genannt“. Unsere Stellungnahme.

Die Eröffnung der Ausstellung und die Familien der "Beim Namen genannten"

Guter Beitrag, schwacher Rest: „Fazit“ im Deutschlandfunk über unsere Ausstellung „Beim Namen genannt“.

„Die politische Führung in Polen arbeitet seit Jahren daran, die Geschichtserzählung des Landes zu glätten, vor allem was den Zweiten Weltkrieg betrifft. Jüngstes Beispiel ist eine Ausstellung in der Warschauer Innenstadt, die heute eröffnet wurde. Es geht um polnische Judenretter, in denen die Regierungspartei PiS gerne die Heldenrolle hervorhebt, um eine Diskussion über Kollaboration mit den deutschen Besatzern zu unterbinden. Wie sich das dann in einer Ausstellung und deren Eröffnung darstellt, schildert Florian Kellermann.“ sagt Marietta Schwarz in der Einführung zu Florian Kellermanns Beitrag über die vorgestrige Eröffnung unserer neuen Ausstellung „Beim Namen genannt“.

Eigentlich würde man diesen DLF-Beitrag gerne lobend hervorheben wollen, denn der Autor hat sich merkbar viel Mühe gemacht, war bei der Eröffnung der Ausstellung „Beim Namen genannt“ dabei, hat sich mit dort mit den Familien und Nachfahren von Pol*innen, die für Judenrettung ermordet wurden, einfühlsam unterhalten und damit der deutschen und europäischen Öffentlichkeit ein wichtiges Stück Geschichte nähergebracht, welches in den gängigen Narrativen und der gesellschaftlichen Wahrnehmung der polnischen Geschichte im XX Jahrhundert fehlt.

Eigentlich.

„Es geht um polnische Judenretter, in denen die Regierungspartei PiS gerne die Heldenrolle hervorhebt, um eine Diskussion über Kollaboration mit den deutschen Besatzern zu unterbinden. Wie sich das dann in einer Ausstellung und deren Eröffnung darstellt…“.

Zunächst einmal stellt sich die Frage, ob man überhaupt noch über polnische Judenretter sprechen kann, ohne sich mit dem Vorwurf, man würde sie lediglich politisch instrumentalisieren wollen, konfrontiert zu sehen. Oder ist historische Forschung, die diese dramatischen, heldenhaften und zugleich jahrzehntelang von der Bildfläche verschwundenen Schicksäle aus der Vergessenheit holen will, per definitionem „politisch instrumentalisiert“, quasi als Axiom? Dann sollte man so ehrlich sein, hier die Karten offen zu legen- wenigstens macht es dann rein logisch Sinn!

Vor allem verliert aber eine solche geradezu obsessiv-politisch durchdrungene Lesart des Projekts und der Ausstellung aus den Augen, was ihren humanistisch-existenziellen Kern ausmacht. Unbearbeitete Traumata werden von Generation zu Generation weitergegeben, Sigmund Freud nannte es „Gefühlserbschaft“, heute spricht man häufig von „transgenerationaler Weitergabe“. Für die Familien und Nachfahren der „Beim Namen genannten“ ist es die erste Gelegenheit überhaupt, mit ihren Erinnerungen in die Öffentlichkeit zu gehen, einen neuen Weg einzuschlagen, ihre Traumata zu verarbeiten. Für die polnische und europäische Erinnerungskultur stellt es hingegen eine Offerte dar, weiße Flecken ihrer Geschichtsschreibung mit Inhalt auszufüllen.

Übrigens fällt in dem Beitrag auch ein wichtiges Argument, welches der These von „der Unterbindung der Diskussion über die Kollaboration“ widerspricht. An keiner Stelle der Ausstellung wird verschwiegen, dass die Pol*innen in der Regel von einer ihrer Nachbar*innen verraten wurden und deswegen dem deutschen Besatzungsregime zum Opfer gefallen sind. Das wird auch offen in einem der im Beitrag enthaltenen Gespräche mit den Familien thematisiert.

Deswegen: Unterbinden will hier keiner etwas, höchstens kontextualisieren und historisieren. Die Verhältnisse waren dramatisch, Mord und Todschlag an der Tagesordnung, selbst dafür, dass man einer jüdischen Mitbürger*in eine Scheibe Brot rüberreichte, musste man häufig vor Ort für diese Tat mit dem eigenen Leben bezahlen. Wer sich die damalige Lage vor Augen führen will, sollte auch begreifen, dass die Herrschaftsform des Dritten Reichs sehr unterschiedliche Formen in Ost- und Westeuropa annahm, was heutzutage jedoch allzu häufig unterschlagen wird. Timothy Snyder, kein sonderlich „rechtskonservativer Historiker“, ganz im Gegenteil, beschreibt diese in „Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann” anhand von drei Schicksalen, drei historischen Figuren: Victor Klemperer, Anne Frank und Emmanuel Ringelblum. „Ihr jeweiliges Schicksal spiegelt die unterschiedlichen rechtlichen Strukturen in Deutschland, in den besetzten Niederlanden und im besetzten Polen während des Krieges wider”, schreibt Snyder.

Snyders Ausführungen verdeutlichen, in welch unbegreifbar unmenschlichen Verhältnissen die „Beim Namen genannt“ Heldentagen zu vollziehen in der Lage waren und warum wir – Pol*innen, Europäer*innen, alle Bewohner*innen der Erde – gut daran beraten sind, die Erinnerung an diese zu pflegen.

Snyder: „Klemperer überlebte, genauso wie derjenige, der sich um ihn kümmerte; Anne Frank starb, doch die Leute, die sie zu verstecken versucht hatten, überlebten; Ringelblum wurde zusammen mit mehreren anderen, die ihm geholfen hatten, erschossen”. Als hauptentscheidend sah Snyder die Kategorie der Staatsangehörigkeit an, denn selbst nach den Nürnberger Gesetzen konnte man auf diesem Wege von den verbleibenden, wenn auch sehr mageren Rechten Gebrauch machen. Im Falle Ringelblums war all dies nicht möglich: er starb und mit ihm die Menschen, die ihm vorher Unterschlupf oder materielle Hilfe anboten. Im vom deutschen Besatzungsregime okkupierten Polen musste man selbst für eine Scheibe Brot, die man einem Juden rüberreichte, mit dem eigenen Leben und nicht selten dem des ganzen Dorfs bezahlen. In Holland konnte man Menschen bei sich verstecken und dennoch relativ glimpflich davon kommen. Darin liegt der essenzielle Unterschied.

Zum Ende hin nennt Marietta Schwarz unsere Ausstellung „problematisch“. Nun „problematisch“ ist in der Geschichtsschreibung vieles, wer aber bei „Geschichtsaufarbeitung“ an einem eng definierten Narrativ beharrt, welches besagt, dass nur die „Schmalzowniki“ der ewigen Anonymität und Geschichtsvergessenheit anheim zu fallen drohen, der versteckt lediglich seine von vornerein festgelegten Auffassungen hinter dem Vorwand der Analyse und zwingt seine eigenen Vorstellungen auf – also das Gegenteil einer „Aufarbeitung“, was oder wen auch immer diese betreffen mag. Die Berichte aus Auschwitz unseres Namenpatrons Witold Pilecki wurde in Polen erst im Jahre 2000 veröffentlicht – hätte es davor schon Google gegeben, würde jemand, der nach seinem Namen und seiner Lebensgeschichte gesucht hätte, jeden Tag das gleiche Resultat zu sehen bekommen: 0. Das gleiche würden die Suchbegriffe „Budziszewski, Andrzejczyk, Skłodowscy“ und andere „Beim Namen genannten“ ergeben.

Diese Namen sollten zu einem festen Teil der europäischen Erinnerungskultur werden, um uns ständig daran zu erinnern, dass, mit Hannah Arendt gesprochen, auch „Menschen in finsteren Zeiten“ sich ihren Mitmenschen gegenüber würdevoll verhalten können. „Uns“ soll heißen: uns Menschen – nicht nur Pol*innen! 

Insofern ist die Ausstellung kein Ausdruck der Politisierung und Nationalisierung von Geschichte, wie es die DLF-Redaktorin suggeriert, sondern ein Prozess der Traumaüberwindung für die Familien und eine Lektion der Menschlichkeit für die Gegenwart und Zukunft.

Hier kann man sich den Beitrag anhören (ab 36´30): https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2020/10/02/fazit_die_ganze_sendung_drk_20201002_2305_8b58abd7.mp3?fbclid=IwAR2fiKU-S9SipnLM7ow6W1xYON_mqWLKFCdHtZP9KdUq1oJYY3Bo-bpFsFM

Foto: Grzegorz Karkoszka 

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