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Zdzisław Londoński und das Bildungswesen im Untergrund

13.04.2020

Heute soll es um einen Mann, dessen Wirken im Untergrund exemplarisch für all das steht, was die Nationalsozialisten durch die Intelligenz- und AB-Aktion vernichten wollten. Zdzisław Londoński - Lehrer, Schuldirektor, Wissenschaftler und Philosoph.

Als wir vor einigen Tagen im Rahmen unserer Serie den Offizier Julian Gazda vorstellten, haben wir von den Verhaftungswellen in dessen südostpolnischer Heimatstadt Nisko erzählt – jener ersten aus dem Herbst 1939, die sich gegen Lehrer und Pädagogen richtete, als auch der späteren im Mai 1940, welche die gesamte Elite des Ortes traf. Heute soll es um einen Mann gehen, der in beiden Aktionen gefangen genommen worden war; und dessen Wirken im Untergrund exemplarisch für all das steht, was die Nationalsozialisten durch die Intelligenz- und AB-Aktion vernichten wollten.

Weil die Zerschlagung der Intelligenz als Quelle und Träger der polnischen Kultur einen immanenten Bestandteil der nationalsozialistischen Besatzungspolitik darstellte, umfassten auch konspirative Tätigkeiten im Polen dieser Zeit neben dem Wirken des bewaffneten Untergrunds oder der Rettung von Juden durch Einzelpersonen und Geheimorganisationen auch Bemühungen um die Aufrechterhaltung des polnischen bzw. polnischsprachigen Bildungswesens. So funktionierten, trotz der Verhaftung und Deportation hunderter Professoren gleich zu Beginn der Besatzung, in Warschau, Krakau, Wilno oder Lemberg Untergrunduniversitäten, in denen mehrere Tausend Studenten lernten. Genauso am Leben erhalten werden sollte auch das polnische Mittel- und Grundschulwesen. Nach Angaben des amerikanischen Historikers Richard C. Lukas wurden in den Jahren 1942-43 im Generalgouvernement fast 40.000 Mittel- und über 80.000 Grundschüler von je ca. 5.000 Lehrern im Geheimen unterrichtet.[1] Sie alle riskierten viel – beim Auffliegen solcher subversiven Tätigkeiten drohte sämtlichen Beteiligten die Deportation. Trotzdem funktionierte das Bildungswesen im Untergrund fast seit den ersten Kriegstagen – bereits im Oktober 1939 wurde die geheime Lehrerorganisation TON (Tajna Organizacja Nauczycielska) gegründet. Überall in Polen gaben mit ihr verbundene Pädagogen ihr Wissen an Jugendliche weiter – so wie der Philosophieprofessor Zdzisław Londoński.

Der 1888 geborene Londoński studierte von 1907 bis 1912 Philosophie in Krakau und Germanistik in Leipzig und arbeitete danach an einem Gymnasium in seinem Geburtsort Bochnia. Im Ersten Weltkrieg war er Soldat der Polnischen Legionen. In der Zweiten Polnischen Republik kehrte Londoński, der 1919 den Doktorgrad erworben hatte, zu seiner Lehrertätigkeit zurück und unterrichtete u.a. an Schulen in Leszno und Mysłowice, bis er 1934 schließlich den Direktorenposten am Stefan-Czarniecki-Gymnasium in Nisko übernahm, den er bis zum Kriegsausbruch behalten sollte. Zusätzlich zum pädagogischen Wirken war er auch wissenschaftlich tätig, etwa als Herausgeber der Gesammelten Werke der romantischen Dichter Juliusz Słowacki und Zygmunt Krasiński.

Von seiner ersten, nur kurzzeitigen, Verhaftung im November 1939 ließ sich Londoński nicht einschüchtern – schon im Dezember desselben Jahrs begann er in Nisko konspirativen Unterricht durchzuführen. Erst die zweite Gefangennahme und anschließende Deportation ins Konzentrationslager sollte seiner Arbeit, wie auch seinem Leben, ein Ende setzen. Zdzisław Londoński starb am 6. Oktober 1941 in Auschwitz.  

 

[1] Vgl. Richard C. Lukas: The Forgotten Holocaust. The Poles under German Occupation 1939-1944, New York 1997, S. 103.

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