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Julian Gazda und die AB-Aktion in Nisko

10.06.2020

Die AB-Aktion umfasste sowohl Großstädte und Kulturzentren wie Warschau und Krakau als bedeutende Konzentrationspunkte der polnischen Intelligenz als auch kleine Provinzorte. Julian Gazda wurde am 18.Mai in Nisko gefangen genommen.

6. Julian Gazda und die AB-Aktion in Nisko

Als ein auch auf Schockwirkung ausgerichteter Schlag gegen potentielle Widerstandskräfte in der polnischen Bevölkerung wurde die AB-Aktion flächendeckend im gesamten Generalgouvernement durchgeführt. Sie umfasste Großstädte und Kulturzentren wie Warschau und Krakau als bedeutende Konzentrationspunkte der polnischen Intelligenz genauso wie kleine Provinzorte, die über ihre eigenen, geografisch begrenzten doch keineswegs weniger „festen“ Lokalstrukturen verfügten. Eines von vielen Beispielen für diese zweite Gruppe von Schauplätzen kann die Kleinstadt Nisko bei Stalowa Wola im heutigen Südostpolen bilden. Bereits im November 1939 lockten dort die deutschen Besatzer unter dem Vorwand eines pädagogischen Treffens Lehrer aus der Umgebung an, ließen sie verhaften und in das Gefängnis in Rzeszów bringen. Eine zweite Aktion dieser Art erlebte Nisko am 18. Mai 1940, als in einer kollektiven Verhaftungsmaßnahme beinahe die gesamte Lokalelite gefangen genommen wurde – insgesamt mehrere Dutzend Einwohner, darunter der Bürgermeister, Priester, Ärzte, Juristen und zahlreiche andere – wie der Protagonist der heutigen Folge unserer Serie, der Offizier Julian Gazda.

Gazda kam am 8. Januar 1980 in Rudnik am San zur Welt. Das Gymnasium im unweit gelegenen Jarosław schloss er 1911 mit dem Abitur ab und begann anschließend ein Jura-Studium in Lwów, musste es aber bald aus finanziellen Gründen abbrechen. 1914 stieß Gazda zusammen mit einigen Kameraden aus dem lokalen Schützenverein, welchen er mitgegründet hatte, zu den polnischen Legionen. Als Soldat der Infanterie nahm er an zahlreichen Kämpfen teil, u.a. der Schlacht bei Kostiuchówka im Juli 1916. Auch nach der Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit Polens blieb Gazda Soldat, wurde in den Dienstgrad eines Leutnants erhoben und diente sowohl im Polnisch-Ukrainischen als auch im späteren Polnisch-Sowjetischen Krieg. Während des Krieges wurde er zum Hauptmann befördert. Die anschließende Friedenszeit ermöglichte es Gazda, sein Studium wieder aufzunehmen und 1926 abzuschließen. Im September 1939 wurde er als Major der Reserve zugeteilt.

Den Tag von Gazdas Verhaftung rekapituliert seine Tochter Alicja in diesen Worten: „Am 18. Mai 1940 um sechs Uhr morgens drangen die Gestapo (…) und die Wehrmacht zu uns ein. Sie revidierten die Wohnung. Sie nahmen uns drei mit: Vater, Mutter und mich. Als ein deutscher Soldat sah, dass ich nur im Sommermantel hinausging, warf er mir einen vom Kleiderbügel genommenen Schafpelz über die Schultern. Vater schaffte es noch, seinem Bruder zu sagen, dass er zu Herrn Maksymilian Holubars, dem Leiter des Sägewerks, gehen soll, um die Deutschen in unserer Sache zu bitten. (…) Bei uns in der Etage wohnte eine Familie, die aus Posen ausgesiedelt worden war -  Stanisław und Krystyna Bełżyńscy. Er war Magister der Philologie… Er hatte eine Schreibmaschine und das war der Grund der Verhaftung.[1] Mutter und Tochter wurden, wie Alicja weiter schildert, kurz darauf durch das Engagement des Sägewerksleiters wieder entlassen – Vater Julian hatte nicht so viel Glück.

Erhalten sind Briefe, die Gazda aus dem Lager an seine Frau Aleksandra geschrieben hatte. Ähnlich wie der bereits vorgestellte Bronisław Wajda wurde auch er später in das KZ Mauthausen-Gusen verlegt – und überlebte ebenfalls bis zu dessen Befreiung. Nach dem Krieg emigrierte er mit seiner Frau in die USA, wo er  im Juli 1949 im Alter von 57 Jahren verstarb.

Von einigen weiteren Gefangenen aus Nisko werden wir in späteren Folgen dieser Serie noch berichten.

 

 

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