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Historisch-politische Bildung in Zeiten der Pandemie

13.07.2021

Wie das Pilecki-Institut Berlin die deutsch-polnische Geschichte den Schüler:innen im Online-Format nahebringt

Historisch-politische Bildung in Zeiten der Pandemie

Als im November 2020 klar wurde, dass die zweite Welle der Pandemie zu einem längeren Lockdown führen wird, haben wir angefangen, ein neues Konzept für unsere Bildungsarbeit zu entwickeln. Unsere Vermutung, dass die Schülerinnen und Schüler nach der kurzen Rückkehr in den Präsenzunterricht nun wieder für längere Zeit in den Distanzunterricht mussten, bestätigte sich. Das ständige Hin und Her, erneute Verlängerungen, landesspezifische Verordnungen – all das hat unsere Bildungsarbeit vor Ort für eine ungewisse Zeit komplett unmöglich gemacht. Andererseits hat diese Situation uns ermöglicht sogar mehr Gruppen zu erreichen, als vor der Pandemie, und zwar durch unsere Online-Formate.

Als unser erstes Bildungsangebot im Online-Format haben wir den digitalen Workshop zum Thema „Widerstand gegen die NS-Verbrechen. Berichte von Witold Pilecki aus dem KZ Auschwitz“ entwickelt. Dieses Thema als Auftakt zu unserer Workshop-Reihe zu wählen war für uns eine Selbstverständlichkeit. Der polnische Offizier und Widerstandskämpfer Witold Pilecki, der erste und einzige Häftling von Auschwitz, der sich freiwillig verhaften und inhaftieren ließ, ist der Namensgeber unseres Instituts, das seit 2017 in Warschau und seit 2019 auch in Berlin seine Tätigkeit ausübt. Das Pilecki-Institut führt mehrere Projekte über Witold Pilecki durch. Das größte davon ist die Ausstellung „Der Freiwillige. Witold Pilecki und die Unterwanderung von Auschwitz“ am Pariser Platz in Berlin. So verstehen wir diesen Online-Workshop nicht nur als ein weiteres Projekt über Witold Pilecki, sondern auch als einen pandemiebedingten Ersatz für den Besuch unserer Ausstellung und in gewissem Maße sogar für die Klassenfahrten nach Auschwitz, die wegen den Reisebeschränkungen im Schuljahr 2020/21 komplett ausfallen mussten.

Der Ausgangspunkt für die Entwicklung des Online-Workshops war unser mehrstündiger Studientag zu einem  ähnlichen Thema, den wir vor der Pandemie bei uns vor Ort für Schulgruppen durchgeführt haben. Der Ablauf des Workshops musste aber komplett neu gedacht werden. Die Gesamtdauer des Seminars haben wir auf 90 Minuten,  d.h. auf die Dauer einer regulären Doppelstunde in der Schule, festgelegt.

Einige Elemente des Seminars mussten im Vergleich zum Präsenzstudientag reduziert werden – so werden anstelle einer einstündigen Führung durch die Ausstellung über das Leben von Witold Pilecki Kurzvorträge zu dem Thema gehalten, begleitet von Präsentationen mit Bildmaterial und Videos. Andere Elemente konnten aber ins Online-Format übernommen werden. So konnte beispielsweise die Arbeit mit Primärquellen  dank moderner Plattformen relativ einfach  in den digitalen Raum übertragen werden. .

Das Kernstück des Online-Workshops ist eine Pro-Contra-Debatte, die folgendermaßen durchgeführt wird: zunächst erfahren die Schüler:innen von Pileckis Mission, Informationen über Auschwitz zu sammeln und in die Außenwelt zu schicken, danach wird die Klasse in zwei Kleingruppen geteilt (Tool: „break out rooms“ bei Zoom). Jede Kleingruppe bekommt 3 Dokumente von der geheimen Korrespondenz zwischen der polnischen Exilregierung in London und dem Oberkommando der britischen Luftstreitkräfte (RAF) vom Januar 1941 zu lesen (Tool: Padlet). Nach einer internen Besprechung in den Kleingruppen findet eine Pro-Contra-Debatte im Plenum statt. Eine Gruppe soll die Argumente der polnischen Exilregierung für einen Bombenangriff auf das KZ Auschwitz vorstellen – ganz nach Aufforderung von Witold Pilecki, dessen Bericht vom Oktober 1940 zum Ausgangspunkt des entsprechenden Schriftverkehrs wurde. Die andere Gruppe stellt dann die Contra-Argumente, basierend auf den Aussagen des Oberbefehlshabers der Bomberflotte, Richard Peirse, und dem Oberbefehlshaber der Luftstreitkräfte, Charles Portal. Die Debatte wird im Oxford-Stil gehalten und hilft, den Schüler:innen das moralische Dilemma über eine mögliche Bombardierung von Auschwitz nahezubringen. Nach der Debatte erfahren die Schüler:innen, dass trotz mehreren Aufforderungen seitens der polnischen Exilregierung, der jüdischen Organisationen und weiterer Akteure ein Bombenangriff auf Auschwitz nie stattfand.

Moderne digitale Produkte bieten viele Möglichkeiten, einen Online-Workshop abwechslungsreich zu gestalten. Voraussetzungen für eine erfolgreiche digitale Veranstaltung dieser Art sind individuelle Endgeräte mit Mikrofon und ggf. Kamera sowie eine stabile Internetverbindung bei allen Teilnehmenden, vor allem aber bei den Referent:innen. Nicht ganz unproblematisch ist jedoch manchmal die Nutzung von Zoom, die seit der Affäre mit den Sicherheitsmängeln der Plattform im Sommer 2020 (die mittlerweile bereits behoben wurden) in einigen Schulen oder gar Bundesländern nicht erlaubt ist. In solchen Fällen finden die Workshops über alternative Plattformen, wie z.B. BigBlueButton statt.

Die Premiere des Online-Workshops „Berichte von Witold Pilecki aus dem KZ Auschwitz“ fand bei unserem Weiterbildungsseminar für Lehrer:innen am 17. Dezember 2020 statt. Einen Monat später wurde der erste Online-Workshop für eine Schüler:innengruppe aus Brandenburg durchgeführt. Seitdem haben wir bereits 26 Workshops für Schüler:innen sowie 2 weitere Weiterbildungsseminare für Lehrer:innen zu diesem Thema durchgeführt. Knapp 400 Schüler:innen und rund 90 Lehrer:innen haben an diesen Veranstaltungen teilgenommen. Dazu kommen noch ca. 90 Teilnehmer:innen der zwei deutsch-polnischen Schüleraustauschprojekte, die wir im Mai 2021 für Schulen in Kępno und Zgorzelec (beide in Westpolen) sowie ihren deutschen Partnerschulen in Aurich (Niedersachsen) und Zwickau (Sachsen) organisiert haben. Unsere Online-Workshops boten also auch einen digitalen Ersatz für den deutsch-polnischen Schüleraustausch. So wurden die  langjährigen Kontakte zwischen den Partnerschulen wegen der Pandemie nicht komplett unterbrochen.

Parallel zu der Durchführung der ersten Online-Workshops von Januar bis März lief die konzeptionelle Arbeit an einem neuen Seminarthema. Am 18. März waren wir soweit: bei einem weiteren Weiterbildungsseminar für Lehrer:innen fand die Premiere des neuen Online-Workshops aus der Reihe „Widerstand gegen die NS-Verbrechen“, dieses Mal unter dem Titel „Wie Diplomaten Juden retteten“ statt. Einen Monat später konnten wir die erste Schüler:innengruppe aus Hessen bei diesem Workshop begrüßen.

Das Thema des neuen Angebots bezieht sich auf ein langjähriges Forschungsprojekt des Pilecki-Instituts über polnische Diplomaten in Bern, die während des Zweiten Weltkriegs mit Unterstützung jüdischer Organisationen gefälschte Reisepässe mittel- und südamerikanischer Staaten für Jüdinnen und Juden ausstellten, um diese vor der Verfolgung und Ermordung in den NS-besetzten Ländern zu schützen. Mehrere Publikationen und Materialien über diese Rettungsaktion sind in den letzten Monaten herausgegeben worden, die Forschungsarbeiten sind aber noch im vollen Gange.

Die Aktivitäten und Leistungen der Berner Gruppe, nach dem Leiter der polnischen Gesandtschaft in Bern Aleksander Ładoś auch „Ładoś-Gruppe” genannt, sowie der gesamteuropäische Kontext der Diplomatie als Mittel des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus, werden bei diesem Online-Workshop thematisiert. Diplomaten im Widerstand verstießen oft auf eigene Initiative gegen die Anordnungen ihrer Regierungen und riskierten ihre Sicherheit oder sogar ihr Leben, um anderen zu helfen. Die Geschichten von Diplomaten wie Raoul Wallenberg, Chiune Sugihara oder Aleksander Ładoś sind Anlass, komplexe politische und diplomatische Zusammenhänge in Europa und der Welt während des Zweiten Weltkrieges den Schüler:innen zu erläutern, auf universelle Werte einzugehen und sich mit dem Konflikt zwischen Dienst/Befehl und Zivilcourage/Menschlichkeit auseinanderzusetzen.

Von dem Seminar über die Berichte von Witold Pilecki wurden bestimmte technische Lösungen in das neue Konzept übernommen. Das Format, die digitalen Tools sowie die Gesamtdauer blieben beim neuen Online-Workshop ähnlich. Komplett neu ist – natürlich neben dem Inhalt – das Format der Arbeitsaufgabe für Kleingruppen. Bei einer Aufgabe handelt es sich um eine individuelle Arbeit der Teilnehmenden mit Reisepässen von Paraguay, Haiti, Honduras und Peru, die für europäische Jüdinnen und Juden mit Unterstützung der polnischen Diplomaten ausgestellt wurden. Die Teilnehmer:innen des Workshops analysieren Dokumente auf Französisch oder Spanisch und versuchen dabei, die Angaben über die Pässe und ihrer Inhaber:innen herauszukriegen und in einem Formular zu ergänzen (Tool: Google-Tabellen). Hilfreich ist dabei die Datenbank von insgesamt 3253 Namen, die dank den langjährigen Forschungen identifiziert und im Rahmen der sog. Ładoś-Liste auf dem Webportal des Pilecki-Instituts „Reisepässe des Lebens“ aufgelistet werden konnten. Diese Aufgabe bietet eine Art Detektivarbeit, die Schüler:innen erfahrungsgemäß gerne machen, auch wenn sie kein Französisch oder Spanisch sprechen. Die andere Aufgabe besteht im Lesen und Analysieren der Textfragmente aus den Erinnerungen der Passinhaber:innen und ihrer Nachkommen. Hier handelt es sich um eine Matching-Aufgabe, die anders als bei der ersten Aufgabe von den Kleingruppen gemeinsam gelöst werden soll (Tool: Padlet).

Unser neues Angebot hat ein sehr hohes Interesse bei den deutschen Schulen geweckt. In nur 2 Monaten haben wir 17 Online-Workshops für 320 Schüler:innen sowie 3 Weiterbildungsseminare für ca. 80 Lehrer:innen zu diesem Thema durchgeführt. Für Lehrkräfte bieten unsere Online-Workshops eine Abwechslung vom regulären Distanz- bzw. Wechselunterricht, für uns sind sie eine ideale Gelegenheit, Schüler:innen mit unserem pädagogischen Angebot bundesweit zu erreichen.

Die Meinungen der Schüler:innen kommen bei ihren Antworten auf die Frage „Was nehmt ihr vom heutigen Workshop mit?“ zum Ausdruck, die wir am Ende jeder Veranstaltung stellen (Tool: Mentimeter). Bei den anonymen Umfragen heben die Schüler:innen den gelungenen Ablauf sowie die eingesetzten Materialien und Tools besonders hervor:

  • „Generell ein überraschend und spannend gestalteter Workshop. Wirklich abwechslungsreich und nicht langweilig“
  • „Ich fand die Abwechslung zwischen Vortrag und Gruppenarbeit sehr angenehm“
  • „Ich fand es gut die Originaldokumente lesen zu können“
  • „Ich fand’s toll, mit den Pässen zu arbeiten“
  • „Man hat selbst mitmachen können, das hilft sich die Informationen besser zu merken“
  • „Besonders die Menti Abstimmungen, fand ich sehr gut“

Sehr häufig tauchen neue Erkenntnisse der Teilnehmenden zu folgenden Themenkomplexe in den Rückmeldungen auf:

  • Polen im Zweiten Weltkrieg: „Polen als das erste Land, welches von Deutschland erobert wurde, gab die Hoffnung nie auf“
  • Polnischer Untergrundstaat: „Ich wusste noch gar nichts über den polnischen Untergrund“
  • KZ Auschwitz: „Ich habe viele neue Sachen über Auschwitz erfahren“
  • Witold Pilecki: „Pilecki war mir bisher unbekannt, jetzt nicht mehr“
  • Widerstand in den KZs: „Mir war gar nicht so klar, dass es so einen Widerstand innerhalb von Auschwitz gab. Es war auf jeden Fall interessant, darüber etwas zu erfahren“
  • Zivilcourage: „Ich nehme daraus mit,  dass  es zum Glück noch einige Menschen gab, die trotz Verboten, ihre Möglichkeiten genutzt haben, um Juden zu unterstützen“
  • Diplomaten, die Juden retteten: „Ich find es bemerkenswert wie selbstlos und mutig sie waren“

Diese Rückmeldungen verdeutlichen, dass die von uns angebotenen Online-Workshops sich gut zum Füllen bestimmter Wissenslücken und als Ergänzung zum Geschichtsunterricht eignen. Anscheinend wissen das auch die Teilnehmer:innen unserer Veranstaltungen zu schätzen. Ein Schüler der 10. Klasse aus Mecklenburg-Vorpommern hat seine Überlegungen nach unserem Workshop über die Berichte aus Auschwitz perfekt zusammengefasst:

„Auschwitz steht für das Dunkelste, das der Menschheit je passiert ist. Der Wille, Insassen von diesem Leid zu befreien und ihnen zur Flucht zu verhelfen, war da. Es ist wichtig, Widerstand zu leisten.”

Der Artikel im PDF-Format

Alexander Kliymuk
Leiter der Bildungsabteilung
Pilecki-Institut Berlin

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