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Der letzte Überlebende: Kazimierz Albin

09.06.2020

Die Geschichte einer gelungenen Flucht aus Auschwitz, für die es einen hohen Preis zu zahlen gab.

5. Kazimierz Albin – der letzte Überlebende

Der am 30. August 1922 in Krakau geborene Albin war gerade einmal siebzehn geworden, als am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweie Weltkrieg begann. Dennoch wollte der junge Mann, der sich seit Jahren aktiv im polnischen Pfadfinderverband engagierte, unbedingt mit der Waffe in der Hand gegen den Aggressor kämpfen. Da ihm diese Möglichkeit verwehrt blieb – zusammen mit anderen jugendlichen Freiwilligen aus seinem Bekanntenkreis wurde er nicht zum Wehreinsatz eingeteilt - beschlossen Albin und sein Bruder Mietek nach der Niederlage Polens Richtung Frankreich zu fliehen, weil sie gehört hatten, dass sich dort polnische Widerstandstruppen im Aufbau befinden, denen sie sich anschließen wollten. Auf dem Weg dahin wurden die beiden jedoch im Januar 1940 in der Slowakei verhaftet und über mehrere andere Stationen schließlich im Tarnower Gefängnis eingesperrt. Dort waren sie am 13. Juni 1940 unter den 728 für den ersten Auschwitz-Transport vorgesehenen Gefangenen.

Die Ankunft im Lager am nächsten Tag schildert Albin in seinen Erinnerungen: „[N]ach einiger Zeit hielt der Zug auf einem großen Eisenbahnknotenpunkt, kurz vor einem Bahnhofsgebäude mit der großen Schrifttafel AUSCHWITZ. (…) Nach einer Weile fuhr der Zug wieder an. Er zog langsam einen weiten Bogen, kam an irgendwelchen Baracken und einem hohen Gebäude vorbei und bremste dann plötzlich. (…) Entsetzt erblickten wir auf beiden Seiten des Gleises eine lange Postenkette bewaffneter SS-Leute. Die Türen des Wagens wurden geräuschvoll geöffnet, und draußen schrie ein dicker Unteroffizier: ‚Alle raus! Los, bewegt euch!’ Die Begleitmannschaft, die bis dahin verhältnismäßig ruhig gewesen war, fiel über uns her, als habe sie die Sporen zu spüren bekommen. Mit den Gewehrkolben auf uns einstoßend, jagte sie uns aus den Waggons, und unter unheimlichem Gebrüll wurden wir durch ein offenes Tor auf einen großen, mit dichtem Stacheldraht umzäunten Platz getrieben.[1]

Die kommenden Monate sollten für Kazimierz Albin eine Zeit von Schikanen und Entbehrungen sein – aber auch von Hoffnung, die er trotz aller Umstände nicht aufgab und die ihn zunehmend Fluchtpläne schmieden ließ – Pläne, die zugleich von den wenigen Fällen erfolgreicher Fluchtaktionen genährt und vom Miterleben des schrecklichen Schicksals all derer gedämpft wurden, die bei einem Versuch erwischt worden waren. Zusammen mit eingeweihten Mitgefangenen bereitete sich Albin minutiös vor, um beim Auftauchen einer günstigen Gelegenheit sofort bereit sein zu können: sie studierten die Topografie des Lagers, versteckten Zivilkleidung und beobachteten den Sternhimmel, der die einzige Orientierungshilfe in der weiten, offenen Landschaft um das Lager herum bot. Gleichzeitig schworen sich Kazimierz und sein Bruder Mietek, angesichts der fast völligen Unmöglichkeit einer Flucht zu zweit, es auch einzeln zu versuchen, wenn sich eine Chance bieten sollte.

Für Kazimierz ergab sich eine solche Chance tatsächlich. Weil er in der SS-Küche eingesetzt wurde, war es ihm möglich, sich u.a. in Lagerräumen und Kellern einigermaßen frei zu bewegen. Am Abend des 27. Februar 1942 nutzen er und ein anderer Häftling namens Franciszek Roman, dem seine Tätigkeit als Elektriker ebenfalls ein Minimum an Bewegungsfreiheit gewährte, schließlich einen günstigen Augeblick nach dem Spätappell. Sie gelangten durch ein Kellerfenster nach draußen, hatten das unfassbare Glück, dass während eines kurzen Sprints durch die freie Fläche vor dem Zaum gerade kein Wachmann in ihre Richtung schaute,  krochen unter dem Stacheldraht hindurch und schafften es, trotz einer nur wenige Minuten später, nach dem Auffallen ihres Verschwindens, eingeleiteten großen Suchaktion in die nahe gelegene Bergkette der Beskiden. Dabei gewährten ihnen mehrfach Bauern für ein paar Nachtstunden Zuflucht auf ihren Höfen und versorgten die Ausgerissenen mit Milch und Kartoffeln.

Für die Flucht mussten Albins Angehörige zahlen: die Gestapo verhaftete seine Mutter Michalina und seine Schwester Stefania, die erstgenannte wurde kurz darauf zuerst nach Auschwitz und später nach Ravensbrück gebracht. Kazimierz selbst versteckte sich unter einem falschen Namen in Krakau, war im bewaffneten Widerstand aktiv und trat unter dem Decknamen „Jędrek“ in die Reihen der polnischen Heimatarmee ein. Alle vier Albins, auch der im Lager verbliebene Mietek, überlebten die Besatzungszeit und trafen schon im Sommer 1945 in Krakau zusammen. Michalina jedoch kam enorm geschwächt und krank aus der Gefangenschaft zurück und starb nur wenige Jahre nach Kriegsende. Ihr Sohn Kazimierz, der an der Technischen Universität Krakau Luftfahrt studierte und später sowohl in diesem Beruf als auch u.a. Handelsexperte arbeitete, setzte sich als Mitglied von Überlebendenverbänden und Organisationen wie dem Towarzystwo Opieki nad Oświęcimiem Zeit seines Lebens dafür ein, die Erinnerung an Schicksale, wie seine Familie es erlebt hatte, am Leben zu erhalten.

 

[1] Kazimierz Albin: Steckbrieflich gesucht, Oświęcim 2000, S. 59.

 


Der erste Massentransport nach Auschwitz und seine Gefangenen

 

Am 14. Juni 2020 jährt sich zum achtzigsten Mal der erste Massentransport von Gefangenen zum KL Auschwitz. Ergänzend zu unserem bereits angekündigten Pariser-Platz-Seminar am 9. Juni zum Thema „Die Intelligenzaktion und die Errichtung des KL Auschwitz“ werden wir deshalb ab heute jeden Tag an einen der Inhaftierten aus diesem Transport erinnern.

Die frühesten Auschwitz-Transporte hängen eng mit gezielten großflächigen Aktionen zusammen, die sich gegen die polnische Intelligenz und potentielle Widerstandsbewegungen richteten. Die Vernichtung der Intelligenz war seit den ersten Besatzungstagen ein wesentliches Element der nationalsozialistischen Eroberungs- und Niederwerfungspläne. Ein gezielter Schlag gegen ihre geistigen Eliten sollte die Polen in Schockstarre versetzen und ihrer potentiellen konspirativen Führungskräfte berauben. Angefangen im Oktober 1939 wurden im Rahmen der sog. „Intelligenzaktion“ unter Leitung von Reinhard Heydrich zehntausende polnische Hochschullehrer, Ärzte, Juristen, Geistliche und Repräsentanten vieler weiterer intellektueller Berufe direkt ermordet oder in Konzentrationslager deportiert. Eine Fortsetzung dieser Maßnahmen stellte seit dem Mai 1940 die „AB-Aktion“ (kurz für „Außerordentlich Befriedungsaktion“) dar. Sie richtete sich gegen angenommene aufrührerische Kräfte sowie „Berufsverbrecher“ und hatte anfangs hauptsächlich die Form von Massenexekutionen, oft verbunden mit provisorischen Standgerichtsverfahren, denen mehrere Tausend Menschen zum Opfer fielen. Zunehmen wurden diese sofortigen Morde aber auch von Deportierungen in Konzentrationslager begleitet.

Der erste Massentransport nach Auschwitz brachte am 14. Juni 1940 728 Häftlinge aus dem Gefängnis in Tarnów in das Lager, die die Gefangenennummern 31 bis 758 erhielten (frühere Gefangene waren Einzelgefangene aus dem KZ Sachsenhausen, die bei der Errichtung des Lagers zwangseingesetzt worden waren und später in Auschwitz Aufsichtsfunktionen erfüllten). Unter http://www.chsro.pl/pierwszy-transport/lista.html kann die Liste sämtlicher Personen aus dem Transport eingesehen werden.

 

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