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Wie sich der „polnische Bill Gates“ Jacek Karpiński mit dem Kommunismus anlegte

16.04.2021

...und dafür einen hohen Preis zahlte.

Wie sich der „polnische Bill Gates“ Jacek Karpiński mit dem Kommunismus anlegte und dafür einen hohen Preis zahlte.

Sein K-202 Gerät war selbst 1981, 10 Jahre nach seiner Premiere, den bis dato gängigen Computer-Modellen wie Altair 8800, Apple II oder IBM PC um einiges technologisch voraus, konnte aber hauptsächlich aufgrund politischer Rahmenbedingungen nicht den Erfolg verzeichnen, der ihm und der polnischen Informatik eigentlich in die Wiege gelegt war.

Bevor er sich als ein revolutionäre Lösungen entwickelnder Pionier im Bereich der Computertechnik zu erkennen gab, war Jacek Karpiński, heute vor 94 Jahren in Toruń geboren, Soldat der polnischen Heimatarmee AK und des Batalions Zośka. Bereits am zweiten Tag des Warschauer Aufstands wurde er angeschossen und seine Wirbelsäule schwer verletzt. Nach Ende des Aufstands wurde er mit Hilfe gefälschter Dokumente evakuiert. Seine Lähmung bezwang er nach und nach durch intensives Training in den Bergen von Zakopane, sodass er wieder laufen lernte, auch wenn er nie wieder seine physische Bestform wiederzuerlangen im Stande war. Sein Einsatz im Batalion Zośka hatte aber auch noch andere weitreichende Folgen. Die kommunistische Partei PZPR, welche von vornherein alle nichtkommunistischen polnischen Widerstandsbewegungen bekämpfte und ihre Mitglieder diskriminierte, sollte ihm diese Episode seines Lebens nie verzeihen.

Er setzte seither alles auf seine wissenschaftliche Karriere. Seine außergewöhnlichen kognitiven Fähigkeiten erlaubten es ihm, bereits 1951 zum Diplom-Ingenieur zu avancieren. Obwohl von Anfang an seitens des kommunistischen Regimes skeptisch beäugt, weckte sein wissenschaftliches Potenzial das Interesse der kommunistischen Geheimpolizei SB. Er sollte im Ausland Spionage betreiben, wissenschaftliche Entwicklungen dokumentieren, sie mit nach Hause bringen und anerkannte internationale Wissenschaftler psychologisch erfassen. Mit den Jahren ließ die Zusammenarbeit nach, stattdessen gehörte er schnell zu jenen Staatsbürgern, deren jeglicher Schritt, jedes Telefongespräch abgehört wurde. Doch die größten Hürden, die man ihm in den Weg legen würde, sollten erst noch folgen.

1960 studierte er zwei Jahre lang in den USA, an dem renommierten Massachusetts Institute of Technology und der Harvard University. Später gründete er das Labor für künstliche Intelligenz an der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Er bekam zwar nämlich das Angebot in den USA zu bleiben, entschied sich aber für die Rückkehr nach Polen, wie im Folgenden dargestellt wird.

In den 70er Jahren hatte er bereits mehrere Erfolge zu verzeichnen: Zu den von ihm konstruierten Computern gehört der 1957 zum ersten Mal präsentierte Röhrencomputer AAH, welcher die Wettervorhersage technologisch revolutionierte, der AKAT-1 und der transistorisierte Spezial-Computer KAR-65 für CERN. Zwei Jahre später konstruierte Karpiński den AKAT-1 – der erste Transistor Differential Analyzer. Er wurde zur Lösung von Differentialgleichungen verwendet.

Als Karpiński sein revolutionäres K-202-Gerät einer speziellen staatlichen Kommission vorlegte, deren Entscheidungen maßgeblich dazu beitrugen, ob das jeweilige Gerät in die Massenproduktion aufgenommen werden konnte oder nicht, stieß er bloß auf fragende Gesichter und Skepsis. Die einen verfügten über zu wenig Know-How, um das revolutionäre Potential dieses Geräts begreifen zu können, die Skepsis der anderen speiste sich wiederum gerade aus dem vollen Bewusstsein darüber, was dieser Mikrocomputer für ihre eigene berufliche Zukunft bedeuten könnte. Der K-202war mit 144 KB Arbeitsspeicher ausgestattet, in der Lage bis zu 4 Millionen Worte zu speichern und 1 Million Operationen per Sekunde auszuführen. Aus heutiger Sicht erscheint das nicht viel, aber 1971 war es revolutionär und dem staatlich produzierten „Odra“-Computer technologisch haushoch überlegen.

Einige Jahre später, dank der Unterstützung des polnischen Staatsoberhaupts Edward Gierek und der zwei britischen Firmen Data-Loop und MB Metals, wurde doch die Produktion dieses Geräts zugelassen – diese allerdings nur in Höhe von etwa 30 Exemplaren, wegen des Lobbyismus von Staatsmonopolisten wie Elwro, welches bis dato für einen Großteil der technologischen Produktion verantwortlich war und nun um seine Monopolstellung bangen musste. Eine Situation wie aus dem Klassiker „The Logic of Collective Action“ von Mancur Olson, dessen These lautete, dass das „allgemeine Interesse“ weit verstreut auf viele Individuen ist, die dadurch ihre realen wirtschaftlichen Interessen nicht unmittelbar wahrnehmen, während Vetternwirtschaft und partikuläre Interessen konzentriert verfolgt werden können und deswegen so häufig Überhand nehmen. Die COMECON Politik und die Tatsache, dass Karpińskis Computersystem nicht mit der im Ostblock verbreiteten RIAD-Technologie konform war, taten ihr Übriges, um Karpiński und der polnischen Informatik nicht zum Durchbruch zu verhelfen.

Karpińskis Frustration wuchs mit der Zeit, sodass er sich 1973 dazu entschied, als Schweine- und Geflügelzüchter zu arbeiten: „Man wollte mein Projekt nicht umsetzen, denn Polen sollte ein Land bleiben, in welchem man Kartoffel und Rote Beete anlegt, statt Mikrocomputer zu produzieren“.

Eine bis heute immer wiederkehrende und per definitionem unbeantwortbare Frage lautet, was denn wäre, wenn Karpinski 1962 das Angebot der Amerikaner angenommen hätte und in den Staaten geblieben wäre. Ihm soll sogar nahegelegt worden sein, ein eigenes Institut an einer renommierten Uni zu gründen: „Hätte ich das Angebot der Amerikaner angenommen, hätte es den PC wohl 10-15 Jahre früher gegeben. Ich war aber der Meinung, dass ich in das Land zurückkehren musste, in dessen Auftrag ich arbeitete […]. Ich wollte in Polen und für Polen erfolgreich sein und meine Familie nicht zurücklassen.“ – „Ethik kennt keinen Preis“ lautete die Begründung seiner Entscheidung.

Nachdem ihm 1981 abermals verwehrt wurde, Direktor eines bedeutsamen technologischen Instituts zu werden, entschloss er sich dann doch zu emigrieren. Er arbeitete für Nagra (eine damals bekannte Schweizer Firma, die Kassettenrekorder produzierte) und entwickelte einen sprachlich gesteuerten Roboter sowie einen Pen-Reader (Scanner).

In den 1990er Jahren lebte er in Warschau und beriet u. a. die Politiker Leszek Balcerowicz und Andrzej Olechowski, bevor er sich 2003 in Breslau niederließ, wo er am 21. Februar 2010 starb.

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