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Wer das Wort „Moderne“ in den Mund nimmt, denkt ambivalent.

13.04.2020

Zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald.

Das KZ Buchenwald, welches heute vor 75 Jahren von US-Truppen befreit wurde, „avancierte“ bis zum Kriegsende zum größten Konzentrationslager im Dritten Reich. Ausgestattet mit ca. 136-139 Außenlagern, wurden darin 280.000 Menschen innerhalb von acht Jahren interniert, wovon 56.000 dem Tod durch Folter, Medizin-Experimente und Hunger erlagen. Handelte es sich anfangs noch um politische Gefangene, darunter auch vorbestrafte Kriminelle, Juden, Zeugen Jehovas, Kommunisten und katholische Priester, wendete sich das Bild zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Mit der Zeit dominierten ausländische Gefangene - 1945 machten sie etwa 95% aller Inhaftierten aus (darunter u.a. 15.000 Sowjetbürger, 7.000 Polen, 6.000 Ungarn und 3.000 Franzosen).

Wie viele andere KZ-Lager auch, wurde das KZ Buchenwald nach 1945 nicht geschlossen oder zerstört, sondern von den neuen NKWD-Machthabern wieder in Betrieb genommen. Als „Speziallager Nr.2 Buchenwald“ getauft, gerieten hier zwischen 1945-1950 28.000 Menschen in Gefangenschaft. Neben tatsächlichen Naziverbrechern waren unter den Inhaftierten auch viele aufrichtige Menschen, Sozialdemokraten, Missliebige aus dem Bürgertum und sogar ehemalige NS-Inhaftierte, die der neuen DDR potenziell im Wege stehen konnten.

Ohne auch nur in irgendeiner Art und Weise beide Episoden miteinander vergleichen zu wollen, steht diese geradezu absonderliche institutionelle Kohärenz symbolisch für die große Dunkelkammer der Gräueltaten der Moderne und die vielfältigen ideengeschichtlichen Formen, die diese immer wieder annahm.

Um die Geschichte des KZ Buchenwald besser zu verstehen, lohnt ein näherer Blick auf seine Umgebung. Ursprünglich war ein anderer Name für das KZ vorgesehen: KZ Ettersberg/ Post Weimar. Doch die Nationalsozialistische Kulturgemeinschaft in Weimar erhob Einspruch, da sich auf dem Ettersberg das unzweideutig mit Goethe assoziierte Schloss und Park Ettersberg befand. Man benannte es also nach dem Buchenwald, welcher dann im Zuge der KZ-Einrichtung fast vollständig zerstört wurde. Ein besonderer Baum „überlebte“ jedoch bis 1944.

Unter der sogenannten Goethe-Eiche lebten und wirkten mal Goethe, Schiller, Herder und Schelling. Hier soll Goethe seine „Walpurgisnacht“ im „Faust“ geschrieben haben und hier „datete“ er, wie man heute wohl sagen würde, seine Freundin Charlotte von Stein. Die Goethe-Eichel galt als Symbol der Größe des Deutschen Reichs, sodass der Tot der Eichel demnach das Ende des Deutschen Reiches mit sich ziehen würde. Sie verbrannte am 24.August 1944 nach einem amerikanischen Luftangriff und die Prophezeiung erfüllte sich. „Das Deutsche Reich hat diesen Tag lediglich um neun Monate überlebt“, wie es mal ein KZ-Häftling ausdrückte.

Der Baum verschwand, die historisch-symbolische Affinität zwischen Goethe und Weimar hingegen blieb. Weimar war schließlich der Ort, in welchem Goethe, bereits als europaweit bekannter Autor, 1776 seine Beamtentätigkeit im Consilium auszuüben begann. Mit 33 Jahren wurde Goethe dann zur zweitmächtigsten Person in Weimar, lernte seine Geliebte Charlotte von Stein kennen, wurde zum Leiter des Weimarer Theaters, verfasste die meisten seiner bekannten naturwissenschaftlichen Schriften und werkelte eifrig an jenen Essays, in welchen er sich intensiv mit der französischen Revolution auseinandersetzte.

Das ist aber noch nicht alles. Wenn man länger durch die Seiten der Ortsgeschichte blättert, trifft man schließlich auch noch auf das Bauhaus. Das von Walter Gropius 1919 gegründete Bauhausgebäude symbolisiert den architektonischen wie auch ideengeschichtlichen Kern der Moderne wie kaum ein anderes Bauwerk und verfolgte das Ziel, „die Kunst von der Industrialisierung zu emanzipieren und das Kunsthandwerk wiederzubeleben“. Neben dieser ästhetischen Komponente sollte es aber auch gesellschaftliche Distinktionen, Schattierungen und Unterschiede in Frage stellen und diese durch einen neuen Baustil zunichtemachen.

Dass diese so unterschiedlichen und auf den ersten Blick nichts miteinander verbindenden Erscheinungsformen der Moderne an einem Ort beheimatet sind, ist daher als zutiefst symbolisch zu deuten. Wer Moderne sagt, denkt ambivalent. Goethe der Dichter und der Denker, das Bauhaus als Ort der verwirklichten Sozialromantik und modernistischen Zukunftschwärmerei. Das KZ Buchenwald als Ort des „industrialisierten Massenmordes“, der Kommunismus als die Massenutopie, in welcher das real existierende Individuum dem angeblichen zukünftigen Wohle aller geopfert werden müsse. Unterschiedliche Ideen, Intentionen und Resultate, aber zugleich auch unterschiedliche Facetten der Moderne.

Laut Peter Sloterdijk sollte man sie darum als ein Ort verstehen, „wo immer das Interesse an Enterbung und Neubeginn aufflammt“ („Die schrecklichen Kindern der Neuzeit“). Und damit einhergehend liegt der Wunsch in der Luft, soziale Ungerechtigkeiten auszumerzen, sie durch das Neue, Innovative und sozial Gerechte zu ersetzen. Doch nicht selten endet dieser an sich positive Grundimpuls in Zerstörungswurt, verfängt sich in der Hybris der Vernunft und verwechselt Szientismus und biologistischen Rassenwahn mit authentischer, kritischer Wissenschaftlichkeit.

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