News

„Modernität üben“ – auch oder gerade in herausfordernden Zeiten!

30.03.2020

Unser Programm „Modernität üben“ geht mit der Zeit und eröffnet heute seine erweiterte Onlinepräsenz. In den nächsten Wochen werden regelmäßig Videobeiträge erscheinen, die das Phänomen der Moderne vielseitig beleuchten soll.

Neben einer Erörterung der historischen Dimension, sollen auch Fragen der Gegenwart nicht zu kurz kommen.

 

Die Videoreihe wird durch die Premiere eines kurzen Filmessays eingeleitet, der nicht nur das Programm an sich thematisiert, sondern einen Bogen spannt zwischen dem XX. Jahrhundert, Europas ringen um die Moderne und die polnischen Erfahrungen mit ihr. Ausgestattet mit diesem umfassenden Blickwinkel rückt der Film eine weitere wichtige Frage in den Vordergrund: Warum, wozu eigentlich „Modernität üben“?

Es geht um den Versuch, die Ideale, Denkweisen und Vorstellungen der Moderne wieder aus der Versenkung zu holen und wachzuküssen. Wie es Prof. David Crowley in dem Film formuliert: „Ist die Moderne also vorbei? Oder ist es eine Art kontinuierlicher Prozess? Befinden wir uns in einer Zeit einer neuen Moderne? Vielleicht gibt es Lehren aus der Moderne des frühen 20. Jahrhunderts aus denen wir heute lernen können “.

Zugleich ist die Videoreihe auch ein Resümee der bisherigen drei Editionen von „Modernität üben“. Einem interdisziplinären, in drei Ländern – Polen, Israel und Deutschland – stattfindendem Projekt, welches eindrucksvoll beweist, wie KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen und AktivistInnen konstruktiv miteinander zusammenarbeiten, wie sprudelnde Kreativität sich aus Diversität, aus dem Zusammentreffen unterschiedlichster Hintergründe speist.

Eine besondere Rolle bei „Modernität üben“ spielt die Architektur. Sie war möglicherweise die unmittelbarste Form der Materialisierung modernistischer Ideen, sie war eine Art Seismograf der visionären und zugleich ambivalenten Erfahrungen mit der Moderne.

Durch etliche, abwechslungsreiche Veranstaltungen versuchten wir dieser ideengeschichtlichen Vielfalt der Moderne gerecht zu werden, z.B. bei einem Spaziergang durch das polnischen Herzstück der Moderne der Zwischenkriegszeit, Gdynia, oder in Bernau, wo wir das Hannes-Meyer-Campus besuchen durften. Letztes Jahr hatten wir zudem die Gelegenheit, Prof. Philipp Oswalt dabei zuzuhören, wie er seine kontroversen, höchst anregungsreichen Überlegungen zu den wahren Ursprüngen des Bauhauses wortgewandt und mit Detailverliebtheit veräußerte.

Vielfalt heißt dabei auch, dass die klassischen, schwierigen, an die Moderne gerichteten Fragen nicht einfach umgangen, beschönigt oder unter den Teppich gekehrt werden. Zwischenzeitlich musste sich die Moderne schließlich nicht gerade wenig gefallen lassen: Max Weber erkannte in ihr die inhärente Gefahr der Errichtung eines „eisernen Käfigs“, Zygmunt Bauman bezichtigte sie in seinem Klassiker „Die Moderne und der Holocaust“ gar der Vorbereitung des Nährbodens für das totalitäre Herrschaftssystem des Nationalsozialismus. Die Antwort darauf bietet ein Zitat aus dem Film: “Aus den damaligen Erfahrungen können wir sicher das Engagement zugunsten dieser Gemeinschaft sowie den aktiven, gesellschaftlichen Handlungswillen schöpfen. Wobei uns beispielsweise die Ideologisierung oder Polarisierung des politischen Lebens zu damaligen Zeiten auch für die gegenwärtigen Geschehnisse sensibilisieren sollte und es könnte für uns eine Lehre sein, welche Fehler wir besser vermeiden sollten.“

Vielfalt der Moderne impliziert zudem, dass die enormen Errungenschaften der Moderne nicht einfach als gegeben hingenommen werden können. In der heutigen (27.03.2020) Süddeutschen Zeitung kommentiert in diesem Kontext Friedrich Christian Delius die derzeitige Corona-Lage scharfsinnig: „Doch auch wir Älteren haben es besser, zumindest in unseren Breiten. Anders als unsere Vorfahren können wir uns rund um die Uhr informieren und mit den nächsten Austauschen, haben Telefon und Internet, Lieferketten (…) Post und Mail, Skype, Video und Facetime, Facebook und haltbare Bücher.“ Anders als früher wächst laut Delius auch der Sinn für Nachbarschaft statt „uns militärisch verbiegen zu lassen“. Das sollte man als auch nicht aus den Augen verlieren.
All dies und mehr in unserer neuen Videoreihe, die wir euch heute mit großer Freude vorstellen und hoffen, dass ihr regelmäßig mit dabei seid!

Mehr Infos zum Programm:

http://exercisingmodernity.com/de/

https://instytutpileckiego.pl/en/berlin/cwiczenie-nowoczesnosci

See also