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„Dein Geist komme und erneuere das Antlitz der Erde, dieser Erde!"

18.05.2020

So in etwa lautet die wortwörtliche Übersetzung des in Polen wohl bekanntesten Satzes von Papst Johannes Paul II, welcher vor 100 Jahren geboren wurde.

Der Satz geht auf die erste offizielle Papstvisite in Polen 1979 zurück. Sie wird seitdem als eine zum Endes des Kommunismus maßgeblich beitragende Geste gedeutet.

Die Gewichtigkeit und Wucht dieser Worte lässt sich nur vor dem Hintergrund der damaligen politischen Lage nachvollziehen.

Anfang der 1970er Jahre erfolgt die Machtübernahme von Edward Gierek, der zunächst verspricht, nie wieder auf polnische Arbeiter zu schießen und welcher zumindest in der Anfangsphase Ankündigungen einer sanften wirtschaftlichen Liberalisierung durchaus Tagen folgen lässt. Doch die Ereignisse von Radom 1976, als doch wieder Gewalt gegen protestierende Arbeiter eingesetzt wurde, belehren die Menschen eines Besseren, woraus sich dann auch eine neue Welle der Hoffnungslosigkeit und des Unmuts speiste. Allerdings nur ein kurzes Interludium lang. Als ca.10 Millionen Polen den Papst vor Ort erleben, markiert dies den Wendepunkt.

Karol Wojtyla, heute vor allem unter seinem Papstnamen Johannes Paul II bekannt, wurde vor genau hundert Jahren in Wadowice, nicht weit weg von Krakau, geboren. Seine Mutter starb als er neun Jahre alt war, er hatte zwei Geschwister. Er war der erste nichtitalienische Papst seit Hadrian VI (1522 – 1523) und sein Pontifikat war das zweitlängste überhaupt (nach Pius IX).

Zu den ihn besonders prägenden Erfahrungen gehörte die Zeit unter dem deutschen NS-Besatzungsregime, als über 2000 Priester ins KZ kamen und er sich gezwungen sah, seine Passionen in so unterschiedlichen Bereichen wie Theater, Philosophie und Kunst in den Untergrund zu verlagern. Der christozentrische Personalismus, wie seine tomistisch verwurzelte theologische Doktrin manchmal genannt wird, war sicherlich nicht nur Ausdruck seiner Schaffenskraft und Produkt seiner Lektüren, sondern stellte auch eine intellektuelle Verarbeitung der Erfahrungen mit zwei totalitären Ideologien dar, die das Individuum zu einen seinem Wesen entfremdeten Zahnrad in der ideologischen Maschine herunterdegradierten. Obwohl in den Feuilletons Johannes Paul II Wirken in der Regel hinsichtlich weltpolitischer Gegebenheiten analysiert und der Papst von manchen gar als „intellektuelles Leichtgewicht“ bezeichnet wird, sei an dieser Stelle den Worten Christoph Böhrs, dem CDU-Politiker und Herausgeber des dem Gedankengut des Papsts gewidmeten Sammelbands „Die neue Ordnung“, Gehör geschenkt: „Ich halte Johannes Paul II. neben Edmund Husserl, Max Scheler, Edith Stein und Roman Ingarden für den führenden philosophischen Kopf der phänomenologischen Schule in der Mitte des 20. Jahrhunderts“.

Diese ausgeprägten intellektuellen Affinitäten prägten auch das offene intellektuelle Klima der in der Papstresidenz Castel Gandolfo regelmäßig stattfindenden Gesprächsrunden mit, um es mit den Worten von Emmanuel Levinas zu sagen, „Denkern, um über die Zukunft der Welt nachzudenken“. Paul Ricoer fügte hinzu, dass für ihn die „Persönlichkeit von Johannes Paul II ein großes Rätsel darstellt“, da er „erstaunlich sensibel für alles, was außerhalb der kirchlichen Einflusssphäre geschieht, ist“ zugleich jedoch „sehr streng mit den Katholiken umgeht“.

Der Versuch, dieses vermeintliche Paradoxon des päpstlichen Tuns und Denkens zu entschlüsseln, stellt immer wieder eine Herausforderung dar, an der sich zuletzt u.a. Thomas Urban und Matthias Drobinski, die Autoren der Papstbiographie „Johannes Paul II: Der Papst der aus dem Osten kam“, abarbeiteten. Auf der einen Seite eine konservative Sexualethik, strikte Ablehnung von Abtreibung und eine geringe Duldung von theologischen Debatten innerhalb der Kirche, auf der anderen Seite seine Offenheit gegenüber anderen Religionen, seine entschuldigenden Gesten gegenüber Juden und in der Vergangenheit diskriminierten Abweichlern, die Anerkennung von Darwins evolutionärer Lehre sowie die Schaffung der ersten Theologie des Leibes.

„Er hat ganz wesentlichen Anteil daran, dass der Fall der Berliner Mauer und die friedliche Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas 1989/90 möglich wurden.“ brachte Altkanzler Helmut Kohl seine Bewunderung zum Ausdruck. Die Leistungen von JP II im Bereich der Außenpolitik werden auch von eher liberal orientierten Publizisten wie Alan Posener gewürdigt, trotz der auch in diesem Bereich nicht fehlenden Kontroversen: Die Empfängnisverhütung in Afrika, die Situation in Lateinamerika nach der Machtübernahme der Sandinistas in Nicaragua und von der Theologie der Befreiung inspirierte Priester, die Regierungsposten einnahmen. Schwierige Zeiten, große Herausforderungen und komplexe Persönlichkeiten kommen jedoch selten ohne Uneindeutigkeiten aus.

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