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Bronisław Wajda – ein Schüler aus Sanok

08.06.2020

Einen erheblichen Teil der Insassen des ersten Auschwitz-Transports bildeten ganz junge Menschen von noch nicht einmal 20 Jahren, darunter viele Schüler. Einer von ihnen war der neunzehnjährige Bronisław Wajda aus Sanok.

4. Bronisław Wajda – ein Schüler aus Sanok

Über seine Zeit im Lager ist außer der Häftlingsnummer 182 nicht viel bekannt – allerdings findet sich sein Name in einer spätern Liste von Gefangenen, die zur Arbeit in der sog. „Betonkolonne“ eingeteilt worden waren, welche Zementelemente wie Platten und Pfeiler für das Lager produzierte. Davon, wie diese Arbeit ausgesehen hat, erzählt ein anderer Gefangener, Jerzy Ptakowski in seinen Erinnerungen: „Normale Pfeiler wogen über 300 Pfund; das Gewicht der Eckpfeiler reichte wohl bis an die 1000 Pfund. (…) Die fertigen Pfeiler mussten wir auf den Hof tragen und sechs Schichten hoch stapeln. Es war eine höllisch erschöpfende Aufgabe. Die kleineren Pfeiler trugen je sechs Mann unter Zuhilfenahme von Holzstäben. Zum Transportieren der großen Pfeiler wurden zwölf Mann zugeteilt. Viele dieser Menschen befanden sich im Zustand (…) kompletter Erschöpfung. Das Hochreißen des Pfeilers mit den Händen, Drunterlegen der Stäbe, Hochheben auf Schulterhöhe und Tragen dieser Last über mehrere hundert Meter ohne Pause war nicht nur unmenschlich anstrengend, sondern setzte jeden von uns auch der Gefahr des Zerquetschens von Händen und Füßen, sogar des Todes aus. Kein Wunder also, dass das Tragen von Pfeilern und anderen Zementerzeugnissen von den Baracken zu den Höfen (…) nicht ohne das Gebrüll der Kapos und Vorarbeiter, das Prügeln mit Spaten und Stäben und Flüche vonstatten gehen konnte.[1]

1943 wurde Bronisław Wajda in das KZ Mauthausen verlegt und  überlebte bis zur Befreiung dieses Lagers im Mai 1945. Nach dem Krieg wohnte er wieder in Sanok, wo er 1946 sein Abitur nachholte. Wajda war neben Arnold Andrunik, Mieczysław Urbański und Jan Bezucha Mitbegründer des lokalen Zweigs des Polnischen Verbandes Ehemaliger Politischer Lagerhäftlinge, der 1949 im Verband der Kämpfer für Freiheit und Demokratie (Związek Bojowników o Wolność i Demokrację – ZboWiD) aufging, einer Veteranenorganisation, die unter massivem Einfluss der PZPR stand. Über Wajdas Rolle in dieser Organisation weiß man wenig – anders als im Fall von Andrunik oder Urbański sind bei ihm aber keine Vorsitzfunktionen im ZboWiD belegt. Bronisław Wajda starb im März 2007 im Alter von 86 Jahren und fand seine letzte Ruhestätte neben seiner (zwei Jahre später verstorbenen) Frau Zofia auf dem Sanoker Zentralfriedhof.

 

[1] Jerzy Ptakowski: Oświęcim bez cenzury i bez legend, London 1985, S. 17.

 


Der erste Massentransport nach Auschwitz und seine Gefangenen

 

Am 14. Juni 2020 jährt sich zum achtzigsten Mal der erste Massentransport von Gefangenen zum KL Auschwitz. Ergänzend zu unserem bereits angekündigten Pariser-Platz-Seminar am 9. Juni zum Thema „Die Intelligenzaktion und die Errichtung des KL Auschwitz“ werden wir deshalb ab heute jeden Tag an einen der Inhaftierten aus diesem Transport erinnern.

Die frühesten Auschwitz-Transporte hängen eng mit gezielten großflächigen Aktionen zusammen, die sich gegen die polnische Intelligenz und potentielle Widerstandsbewegungen richteten. Die Vernichtung der Intelligenz war seit den ersten Besatzungstagen ein wesentliches Element der nationalsozialistischen Eroberungs- und Niederwerfungspläne. Ein gezielter Schlag gegen ihre geistigen Eliten sollte die Polen in Schockstarre versetzen und ihrer potentiellen konspirativen Führungskräfte berauben. Angefangen im Oktober 1939 wurden im Rahmen der sog. „Intelligenzaktion“ unter Leitung von Reinhard Heydrich zehntausende polnische Hochschullehrer, Ärzte, Juristen, Geistliche und Repräsentanten vieler weiterer intellektueller Berufe direkt ermordet oder in Konzentrationslager deportiert. Eine Fortsetzung dieser Maßnahmen stellte seit dem Mai 1940 die „AB-Aktion“ (kurz für „Außerordentlich Befriedungsaktion“) dar. Sie richtete sich gegen angenommene aufrührerische Kräfte sowie „Berufsverbrecher“ und hatte anfangs hauptsächlich die Form von Massenexekutionen, oft verbunden mit provisorischen Standgerichtsverfahren, denen mehrere Tausend Menschen zum Opfer fielen. Zunehmen wurden diese sofortigen Morde aber auch von Deportierungen in Konzentrationslager begleitet.

Der erste Massentransport nach Auschwitz brachte am 14. Juni 1940 728 Häftlinge aus dem Gefängnis in Tarnów in das Lager, die die Gefangenennummern 31 bis 758 erhielten (frühere Gefangene waren Einzelpersonen, die bei der Errichtung des Lagers zwangseingesetzt worden waren). Unter http://www.chsro.pl/pierwszy-transport/lista.html kann die Liste sämtlicher Personen aus dem Transport eingesehen werden.

 

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